
| Größer könnte der Kontrast nicht sein! Am
Tag vor diesem sonnigen Morgen in Kalifornien waren wir zu Gast in Fenders neuer Fabrik
gewesen ein modernes, helles Gebäude mit einer beeindruckend perfekten
Organisation in Corona dort, wo LA anfängt, schön zu werden. Nun sind wir hier
bei G&L in der Fender Avenue in Fullerton und fühlen uns wie mit einer Zeitmaschine
zurück versetzt in eine Garagenfirma, die seit den 70er Jahren unter nahezu
unveränderten Bedingungen hochwertige Gitarren und Bässe produziert. Über und in all
diesen Gebäuden, die Leo Fender einst von seinem Geld gebaut hatte, dass er von CBS für
seinen Namen und seine Firma bekam, schwebt Leos Geist. Und diese Atmosphäre wird vom
Marketing-Leiter der Firma, David McLaren (der übrigens BMW fährt ...) weidlich
geschürt. Wir haben nicht heraus gefunden, ob dies eine mehr oder weniger geschickte
Marketing-Strategie oder aber wirkliche Ehrfurcht vor dem großen, alten Mann der
E-Gitarren-Geschichte ist. Wahrscheinlich ist es jedoch beides, und wenn David McLaren uns
Geschichten von plötzlichen Stromausfällen, unerklärlichen Alarmanlagen-Auslösern und
merkwürdigen nächtlichen Geräuschen in der Firma erzählt, dann läuft es auch uns kalt
den Rücken herunter. Auch hätten Wissenschaftler der Para-Psychologischen Richtung mal
einen Tag und eine Nacht in diesen Gebäuden verbracht und anhand von speziellen Messungen
nachgewiesen, dass tatsächlich Schwingungen vorhanden seien, die darauf schließen
lassen, dass übernatürliche Energien an diesem Ort existierten. Und wessen Energien dies
sind, wird schnell klar, wenn wir uns in Leo Fenders altes Büro begeben zwei
kleine Räume inmitten der überschaubaren Fabrikhalle. Leo ist in diesem Büro nie in den
Genuss von Tageslicht gekommen; dafür tauchen grelle Neon-Röhren die heillos
überfüllten Räume, die mit ihrem blassen Anstrich eher wie Container wirken, in ein
kaltes unpersönliches Licht. Die G&L-Macher haben Leo Fenders letzte Arbeitsstätte
genau so gelassen, wie der Mann sie an seinem letzten Arbeitstag verließ, um sich
im März 1991 zur ewigen Ruhe betten. Auf der Werkbank liegt noch der sechssaitige
Gitarrenbass, das Instrument, an dem er bis zuletzt gearbeitet hatte. Seitdem ist dieses
schmuddelige Büro eine Wallfahrtsstätte vieler Gitarrenjünger geworden und auch
wir können uns der besonderen Stimmung, die in diesen Räumen herrscht, nicht entziehen.
Obwohl wir uns äußerlich unbewegt interessiert umschauen, Leos letzte Projekte sachlich
begutachten und dabei sogar eine reichlich angestaubte 1990er Ausgabe von Gitarre &
Bass entdecken. Und dann erzählt uns David McLaren, dass er dieses Heft vorher noch nie
da hat liegen sehen ... und schon wieder jagt dieser Schauer über den Rücken, und ich
will vorzeitig diese düsteren Räumlichkeiten verlassen und überlege, wie ich das
anstellen kann, ohne unseren Gastgeber zu verärgern. Das ist mir alles ein bisschen
zuviel, Leo ... Mehr zu diesem Thema in der neuen Gitarre & Bass! Ausgabe 08/2001 ist ab Freitag, den 20. Juli im Handel. Abonnenten lesen früher. © Copyright: Gitarre & Bass - ein Magazin des MM-Musik-Media-Verlag GmbH |