PRIMAL SCREAM
Vanishing Point
sony/epic creation
Mit ihrem letzten,
1994 erschienen Album lagen sie stilistisch noch im
Retro-Nebel zwischen den Black Crowes und anderen
Stones-Verwertern, gehörten dabei aber zu den
intelligentesten dieser Art. Inzwischen haben Primal
Scream die Art von Sound(s) entdeckt, die z. B. auch bei
Bowie alte Songs zeitlos machen. Das vom gleichnamigen
Seventies-Roadmovie inspirierte Werk dreht sich mehr um
Grooves, Samples, Effekte und Farben als um klassische
Riff-Songs, ist verspielter, offener und fantasievoller
als man von dieser Band erwarten konnte. Und wenn dann
trotzdem ganz selten mal der ganz normale
Song" kommt, ist dessen Wirkung um so intensiver.
Klar Primal Scream hängen sich an einen Trend,
aber erstens an den richtigen, und zweitens bleiben sie
sich treu. Noch Fragen? Album des Monats. (lt)RADIOHEAD
OK Computer
emi/parlophone
Das dritte Album der
englischen Formation macht aus ihnen immer noch keine
richtige Pop-Band. Schön! Bizarre Gitarren-Sounds,
Schwebeklänge, rollende Baßfundamente und diese Stimme
von Thom Yorke, die immer etwas näher am Abgrund an der
Brücke neben der Nervenheilanstalt zu sein scheint, als
im Rock-Circus. ,Exit Music (For A Film)
klingt, als wäre es ein Abschiedsgeschenk für Jeff
Buckley; und ,Karma Police hat vom Songwriting viel von Bowie
und Beatles verstanden (und geklaut), was anderen
Kollegen von der Insel bisher noch gar nicht aufgefallen
war. Also noch eine Platte des Monats. (lt)
GALACTIC
COWBOYS
The Horse That Bud
Bought
spv/metalblade
Ihre letzten
Veröffentlichungen überzeugten immer durch gute
Produktion, kompetentes Songwriting, Abwechslung und
Tempo. Ihr viertes Album bringt wie gewohnt intelligenten
US-Rock mit schöner Gitarrenarbeit. Mit Kings X
waren sie im vergangenen Jahr auf Tour, und dieses
Package erscheint kompatibel. Königseieranhänger, und
nicht nur die, dürfen also zugreifen... (lt)
SUGAR
RAY
Floored
eastwest/atlantic
Klassischer
US-Crossover mit Party- und Punk-Potential. Bereits ihr
Debüt konnte überzeugen, trotzdem wollte es fast keiner
haben. Mal sehen obs diesmal funktioniert. ,Floored ist
ein gutes Album mit bekannter Qualitätsware und ein paar
Spezialitäten von einer guten Band. (lt)
PREFAB
SPROUT
Andromeda Heights
sony/columbia
Sieben Jahre haben sie
gebraucht, um den Sprung in die Neunziger zu schaffen
der ist allerdings nur rein formal gelungen. Denn
was die sympathische britische Kult-Combo der Eighties
hier präsentiert ist geniales Songwriting und das
ist bekanntlich in der Popkultur nur möglich, wenn man
die richtige Plattensammlung besitzt. Kommt der
durchschnittliche Britpopper unserer Tage mit drei
Beatles-Singles und Peter Burschs Gitarrenschule aus,
kennt Sänger/Songwriter/Gitarrist Paddy McAloon mit
Sicherheit das ganze Rote Album", Burt
Bacharach, den Begriff easy listening", WDR 4,
Phil Spector, The Beach Boys, Soul, Jazz... Ein perfektes
Beispiel für die hohe Kunst, Anachronismus als Pop zu
verkaufen. Und da 1967 niemand diese Platte gemacht hat,
kommt sie eben jetzt. Genialeretro. (lt)
[SCHOTTA!]
Is Gold.
koch
Gute Gitarren-Band, Rock mit deutschen Texten, sauber und
transparent produziert. Sänger Mig Haack hat was eigenes
sympathisch, daß hier niemand versucht hat,
krampfhaft trendy zu sein. Und so hört man mit Schotta
eben eine der ganz wenigen deutschen Mainstream-Bands mit
Format und Sound, während auf der anderen Seite der
nationalen Musikfabrik Majors und Mitläufer krampfhaft
versuchen Rammstein zu clonen und Herr Westernhagen sich
nur noch (für sich) selbst inszeniert. Es gab sicher
schon ein paar bessere Texte und innovativere
Konzeptionen, als die von Schotta, aber garantiert auch
schon Millionen schlechtere. Sympathische Band... (lt)
THE TONY WILLIAMS LIFETIME
Spectrum: The
Anthology
polygram/verve
Der Name
Lifetime" fällt immer wieder an dieser Stelle
denn diese Band gehörte, zumindest phasenweise,
ganz sicher zu den bedeutensten Formationen der Begegnung
von Rock & Jazz. Auf der vorliegenden Compilation
finden sich Aufnahmen aus den Jahren 1969 bis 73, an
denen die legendäre Lifetime-Besetzung mit Leader Tony
Williams (dr), John McLaughlin (g), Larry Young (org)
beteiligt war, die später durch Ex-Cream-Bassist Jack
Bruce ergänzt wurde. Die zweite, der gutgefüllten DoCDs
befaßt sich mit späteren Lifetime-Lineups, u. a. mit
Bassist Ron Carter und Ted Dunbar an der Gitarre, die
wesentlich gemäßigter agieren, und sicher dem
entgegenspielen, was Williams Mitte der 70er mit
Holdsworth, später auch in seichteren Fusion-Combos
anstellte. Ein schöner Einstieg, wenn man die
Original-Alben noch nicht hat und ein weiterer
Beweis, daß (auch Musik-)Geschichte lange braucht und
sich erst ein paar Mal selbst zitiert und wiederholt,
bevor was Neues kommt. (ju)
ALLAN
HOLDSWORTH
I.O.U./Hard Hat
Area/Wardenclyffe Tower/Secrets/Atavachron/The Things You
See & Sunbird
fenn music/jms
Eine Menge Stoff von
Holdsworth liegt endlich wieder auf CD vor und hat
nun auch in Deutschland einen offiziellen Vertrieb.
Weniger bekannt, als die diversen Band-Aufnahmen des
Meistergitarristen, dürfte seine, 1979/80 teilweise im
Duo eingespielte Musik mit Pianist Gordon Beck sein (,The
Things You See/Sunbird). Hier ist Holdsworth auch mal mit
akustischer Gitarre zu hören. Seine wahren Qualitäten
und einen individuelleren Ansatz entdeckt man allerdings
eher auf seinen Alben aus den 80er und 90er Jahren, die
eine eigene Klangästhetik innerhalb des neuen Jazz
repräsentieren. Pflichtlektüre. (ju)
DIDIER
LOCKWOOD
New York
Rendezvous
fenn music/jms
Lockwood gehört zu
den wichtigsten Jazz-Geigern des vergangenen Jahrzehnts,
und, wie Kollege Jean-Luc Ponty, nicht zu den
innovativsten. Dafür hat er ein solides Gefühl für
stilsichere Interpretation entwickelt, für zupackende
Themen und gute Bands. Begleitet wurde er bei diesen 1995
entstandenen Aufnahmen von Peter Erskine (dr), Dave
Holland (b), Dave Kikoski (p), sowie zeitweise den
Gästen David Liebman (sax), Gil Goldstein (acc) und Mike
Stern (g). Abgesehen von den letzten beiden Tracks, den
schwächeren des Albums, (mit Goldstein und Stern), geht
es um swingenden, akustischen Mainstream, teilweise mit
Bop-Energie. Solide. (ju)
DAVID GARFIELD & FRIENDS
Tribute To Jeff
i.r.s./creatchy
Keyboarder Garfield hat dieses Album dem vor fünf Jahren
verstorbenen Studio- und Toto-Drummer Jeff Porcaro
gewidmet. Das ganze hat mal einen Hauch von
Jam-Charakter, dann folgen eine Pop-Nummer, ein
Drum-Feature, Jazz, Soul, Hendrix, Fusion. Fans folgender
Musiker erwerben mit dieser CD bisher unveröffentlichte
Gastspiele von Gitarristen/Bassisten wie Larry Carlton,
Nathan East, Jay Graydon, Jimmy Haslip, Paul Jackson Jr.,
Michael Landau, Steve Lukather, Will Lee, Lee Sklar,
Eddie van Halen. Und jede Menge weitere Genies findet man
an den anderen Instrumenten vor allem für
Schlagzeuger dürfte das Lineup der Superdrummer fast
komplett sein... Du hast doch keine Ahnung",
sagt dann der Kollege von der Sticks-Redaktion. Stimmt.
Deshalb muß es also heißen: ...dürfte das Lineup
der Superdrummer ganz beachtlich sein." Eine echte
L.A.-Platte. (ju)
CLAUS BOESSER-FERRARI
Welcome
rough trade/acoustic music
Wer sich gerne am
Klang einer gut gestimmten Zwölfsaitigen berauscht, der
erhält mit ,Welcome hervorragendes Gitarren-Dope.
Claus Boesser-Ferrari spielt hier nämlich mit
beachtlicher Fingerfertigkeit eine in der Tat wunderbar
klingende Akustikgitarre. Das Repertoire setzt sich aus
melodischen Eigenkompositionen und Fremdmaterial
zusammen. So ist z. B. neben dem Flageolet-verzierten,
impressionistisch swingenden ,Lea Langstrumpf aus
Boesser-Ferraris Feder auch eine Instrumentalversion von
Madonnas ,Live To Tell zu hören. Unter dem Strich
ist ,Welcome berauschend im Klang, sympathisch im
Vortag und abwechslungsreich in der Materialauswahl. Für
12-String-Fans ein Tip. (ds)
HIGH AND LONESOME
For Sale Or Rent
tis/taxim
Stilistisch irgendwo
zwischen den Rolling Stones und Tom Petty angesiedelt,
spielen High And Lonesome locker-flockige Rock-Songs mit
Country-Einschlag. Der passende Soundtrack für laue
Sommernächte. (am)
GILBY
CLARKE
The Hangover
spv/steamhammer
Ex-Guns-N-Roses-Gitarrist
Gilby Clarke präsentiert sein mittlerweile drittes
Solo-Album. 60ies-Rock/Pop, Punk und Hardrock mixt der
Gitarrist/Sänger/Produzent ganz nach seinem Geschmack
und herausgekommen ist eine
Rock-n-Roll-Platte, die keine Wünsche offen
läßt. Gilby ist ein hervorragender Songwriter und
Instrumentalist der seine eingängigen Stücke mit der
nötigen Portion Dreck versieht. Klingt der Opener
,Wasnt Yesterday Great noch nach Beatles on Punk, so ist
die folgende Nummer ein cooler Stones-Verschnitt, und mit
,Zip Gun gibts voll was auf die Zwölf
das hätten Slash und Rose nicht besser hinkriegen
können. Kurzum, Gilby Clarke ist ein absolut
überzeugendes Album gelungen, das man beim nächsten
Gang in den Plattenladen unbedingt antesten sollte. (am)
BERNARD
ALLISON
Born With The
Blues
inakustik/ruf records
Tendierte Bernard
Allison auf seinem letzten Album in Richtung Funk &
Soul, geht er nun zu den Wurzeln des Blues zurück.
Entsprechend bewegen sich die Songs im 12taktigen Schema
und der Band-Sound ist traditionell gehalten. Allison
zeigt sich mit einem weniger als üblich verzerrten
Gitarrenton von seiner puristischen Seite, wobei er
genauso überzeugt wie auf früheren, vielseitiger
angelegten Alben. So entpuppt er sich mal als
fantastischer Slide-Player, mal huldigt er seinem Vorbild
Albert Collins. Fazit: Eine wirklich gute Blues-Platte
mit allem, was dazugehört. (am)
CESARIA
EVORA
Cabo Verde
bmg/tropical music
Cesaria Evora ist die
Stimme der Kapverden. Auf ihrem mittlerweile 7. Album
überzeugt die Sängerin, die in ihrer Heimat als
Königin der Morna gilt, mit 14 brillanten Titeln, in
denen sich das Lebensgefühl der Atlantik-Inseln
widerspiegelt. Eine stimmungsvolle akustische
Instrumentierung und schöne Arrangements liefern den
harmonischen Background für eine ergreifende Stimme. (jk)
KRAUTROCK
Various Artists
polymedia/nuzzcom
Jaaaaa, darauf haben
wir alle gewartet: Das Krautrock-Revival wird
eingeläutet (Dankesschreiben bitte an Julian Cope). Zwei
CDs mit Originalklängen aus jener fernen Zeit, als Deine
alten Herren noch tierisch (gut) drauf waren, und der
gläserne Phantomguru auf endlosen Gitarrensoli durch
kosmische Weiten transzendierte (TV-Tip: Telekolleg Folge
68 Pilze und Nachtschattengewächse unserer
Heimat"). (jk)
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