John Abercrombie
John Abercrombie


John Abercrombie

John Abercrombie & Das Zeitalter der Gitarristen

Das Leben eines Jazzmusikers „on the road" ist anstrengend, sehr anstrengend sogar. Der Mann, der mir im Berliner Quasimodo gegenübersitzt, ist sichtlich erschöpft. Das Interview mußte in der Pause zwischen den beiden Sets stattfinden und nicht nach dem Soundcheck wie eigentlich geplant; die Band wollte dringend noch mal ins Hotel, um vor dem Konzert etwas Schlaf nachzuholen...

John Abercrombie erklärt: „Ich bin gestern in New York abgeflogen, um mit Baseline, der Band des holländischen Bassisten Hein van de Geyn, im norwegischen Voss zu spielen. New York – Amsterdam, Amsterdam – Oslo, Oslo – Bergen war meine Flugroute, und von da aus ging es per Bus nach Voss. Konzert auf dem Jazzfestival, um 2 Uhr nachts endlich im Hotel, um 6 Uhr war Lobby-Time, um über Bergen, Oslo und Amsterdam nach Berlin zu kommen... 10 Stunden im Flugzeug, wenig Schlaf und dazu noch Jetlag..."

Beim Konzert selbst ist dem Jazz-Gitarristen allerdings von den Reisestrapazen und der Müdigkeit nichts anzumerken, da ist er absoluter Profi. Abercrombie eröffnet das Konzert solo, er leitet den Jazzklassiker ,I Hear A Rhapsody mit einigen Chorussen ganz alleine ein. Weite Melodiebögen, unverkennbarer Sound, relaxte Begleitung der Band (außer Hein van de Geyn am Kontrabaß noch Joe LaBarbara an den Drums und John Ruocco an der Klarinette als special guest), interessante Kompositionen (bis auf zwei Standards alle aus der Feder des Bassisten) und ein enthusiastisches Publikum runden den Konzertabend ab. Bevor John Abercrombie hier persönlich zu Wort kommt, ein paar biographische Daten über den Gitarristen mit dem Walroßschnauzbart...

Lookin’ back on childhood

John Abercrombie erblickte am 16. Dezember 1944 im Bundesstaat New York das Licht der Welt. In seiner Jugendzeit, die er in Connecticut verbrachte, brachte er sich autodidaktisch das Gitarrespielen bei. Nach der Highschool studierte er von 1962 bis 1966 an der Berklee School of Music. Erste professionelle Erfahrung sammelte er 1967/68 im Orgeltrio von Johnny Hammond Smith, mit dem er sieben Abende die Woche im Bostoner „Big M Club" auftrat.

1969 war er dann bei „Dreams" zu finden, wo neben Drummer Billy Cobham auch die Brecker-Brüder Michael und Randy zu finden waren. Ab 1970 ist John Abercrombie im Big Apple New York beheimatet, bis Mai 1996 hat er es in der hektischen Hochburg der Jazzmusik ausgehalten. Bei unserem Interview-Termin erzählte er mir ganz glücklich von seinem neuen Leben auf dem Lande. Nach den 26 Jahren in New York würde er frühestens in 26 Jahren wieder umziehen, wirft er augenzwinkernd ein.

In seiner Anfangszeit in New York macht er sich einen guten Namen als Studiomusiker, ist Partner von Gil Evans, Jeremy Steig, Michal Urbaniak und Gato Barbieri. 1974/75 ist Abercrombie Mitglied von Billy Cobhams Band „Spectrum", auch spielt er häufig mit Jack DeJohnette zusammen und beginnt eine Solo-Karriere.

1974 erscheint seine erste Platte unter eigenem Namen, ,Timeless. Der Gitarrist Ralph Towner wird ihm ein wichtiger Duo-Partner (,Sargasso Sea, 1976, und ,Five Years Later, 1981). 1978 erscheint Abercrombies erstes wirkliches Solo-Album, ,Characters. In den letzten Jahren ist er vor allem mit seinen Bands „Gateway" mit Dave Holland und Jack deJohnette, seinem Trio mit Marc Johnson und Peter Erskine und seinem Orgeltrio mit Dan Wall an der B3 und Adam Nussbaum am Schlagzeug unterwegs. Zusätzlich arbeitet er in wechselnden Besetzungen mit dem Flügelhornisten Kenny Wheeler zusammen und spielt seit vier Jahren in der o. g. Band „Baseline" mit, die bisher drei CDs veröffentlicht hat.

Something personal

G&B: John, womit bist du im Moment beschäftigt?

John: Eigentlich lasse ich gerade eine total hektische, volle Periode hinter mir. Ich habe viel gespielt die letzte Zeit. Ich habe gerade einige Konzerte mit Ralph Towner hinter mir, wir haben einige Duo-Konzerte in Amerika gespielt. Es war sehr aufregend und anders für Ralph und mich, weil wir seit acht Jahren das erste Mal überhaupt wieder zusammengespielt haben. Vor diesem Projekt war ich mit dem Pianisten Marc Copeland auf Tour, wir haben ebenfalls Duo-Konzerte gespielt. Im letzen Jahr war ich sowohl mit meiner Band Gateway (mit Dave Holland und Jack DeJohnette) als auch mit meinem Orgel-Trio (mit Dan Wall an der B 3 und Adam Nussbaum an den Drums) unterwegs. Und jetzt gibt es diese „Baseline"-Tour, die zweigeteilt ist, diese Woche sind Konzerte, die anschließenden 10 Tage muß ich mit meiner Band in Amerika spielen, und danach geht die Baseline-Tour für weitere zwei Wochen weiter.

Noch etwas zu der Band „Baseline" – keiner kennt Hein van de Geyn in Amerika und Deutschland, und das finde ich schade. Die Amerikaner sollten sowieso mehr über die europäische Jazzszene wissen. Ich habe das Gefühl, daß sich die europäischen Jazzmusiker untereinander ganz gut kennen. Ich spiele viel in Deutschland, ich spiele in Holland, ich spiele mit schwedischen Musikern, und es gibt so viele gute europäische Jazzmusiker – und keiner der Europäer kann in Amerika spielen. Momentan ist die Situation des Jazz in Amerika sowieso sehr komisch. Jazz wird verkauft, als ob es Suppe wäre. Vielleicht ist es komisch, so etwas von mir zu hören, da ich ja selber amerikanischer Jazzmusiker bin. Auf der einen Seite hat diese kommerzielle Produktwerbung den positiven Effekt, daß mehr Jazzmusiker Arbeit haben, auf der anderen Seite macht die Art, wie sie verkauft wird, die Musik billig. Es ist nicht nur die Musik, die kommerzieller wird, sogar die guten Musiker, die wirklich talentierten jungen Jazz Player – die werden verkauft als „The latest, newest, best, most wonderful..." Ich habe das Gefühl, als ob Hollywood über den Jazz hereingebrochen wäre, und das ist sehr zweischneidig. Auf der einen Seite macht es den Amerikanern die Jazzmusik bewußt – die der große kulturelle Teil Amerikas ist – und es ist besser für einige Musiker, aber trotzdem bleibt mir ein komischer Nachgeschmack. Ich habe sehr gemischte Gefühle...

Das komplette Interview mit John Abercrombie (plus ausführlicher Discografie) erscheint in Gitarre & Bass 09/97. Ab Montag den 18. August im Handel!

Story: Angela Ballhorn
Fotos: Hyou Vielz

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