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The Hangover? The Hangover? So heißt das neue Album des Guns-N-Roses-Gitarristen Gilby Clarke, seine zweite Solo-Produktion, nach dem 1994er Debüt ,Pawnshop Guitars. Nun, Hangover" heißt auf deutsch wie auf angelsächsisch Überbleibsel", Katzenjammer" oder Kater" und da stellen sich doch eine Menge Fragen... Zu hören ist von schlechter Katerstimmung allerdings nichts in Gilbys neuen Songs: straighter Rock n Roll, wie gehabt, wobei die Beatles als Einfluß diesmal vielleicht etwas weniger präsent sind, als bei den vorangegangenen Pfandhaus-Gitarren. Dafür gibt es aber eine nette Cover-Version von Lennon/McCartneys ,Happiness Is A Warm Gun und von David Bowies ,Hang On To Yourself. Besonders schön ist, daß einige von Gilbys eigenen Nummern da durchaus mithalten können; ,Blue Grass Mosquitos hat von allem o. g. etwas, und ,Punk Rock Pollution zeigt die Seite des Gitarristen & Sängers, die auf dem letzten Gunners-Halbwerk ,The Spaghetti Incident? zu hören war, übrigens dem einzigen GNR-Album, an dem Gilby beteiligt war die Sammlung von Cover-Nummern erschien bereits Anno 1993. Gilbys neues Album wurde coproduziert von C.J. Devillar, der u. a. bei Stevie Salas Colorcode und Dear Mr. President als Bassist aktiv war. Facts zur Vergangenheit des Gilby C. kann man in Gitarre & Bass 3/95 nachlesen, alles was sich seitdem getan hat erzählt er selbst. Wann? Jetzt. Erstes Thema: David Bowie.
Gilby: Als Kind mochte ich ,Ziggy Stardust immer sehr, diesen Bowie-Song fand ich überragend warum, weiß ich nicht. Live habe ich mit meinen Bands dann immer ,Diamond Dogs gespielt, bis es uns zum Hals raus hing. Dann meinte mein Manager, wir sollten doch mal ,Hang On To Yourself spielen und das passierte dann auch. Ich habe mich bei meiner Interpretation sehr an die Bowie-Version gehalten. G&B: An ,Happiness Is a Warm Gun gefällt mir besonders, daß du einen ganz anderen Zugang zur Musik der Beatles hast, als viele Vertreter der BritPop-Bewegung: Du hast dich mit dem Song an sich befaßt, viele englische Bands spielen dagegen nur mit den typischen Sounds... Gilby: Stimmt, sie gehen rein klanglich an die Stücke ran. Es ist verrückt: Ich habe bei ,Happiness... alle Instrumente selbst gespielt, das habe ich vorher noch nie gemacht; mein Schlagzeugspiel ist auch relativ beschränkt, hahaha! Andererseits habe ich auch nie jemanden getroffen, der die Nummer mit mir spielen wollte, jedenfalls nicht so spielen wollte, wie ich sie fühle... Ich bin ein großer Beatles-Fan, und so wollte ich den Song auch interpretieren. G&B: Und wie bist du bei dieser Solo-Aufnahme vorgegangen? Gilby: Oh, das wußte ich anfangs selbst nicht. Zuerst habe ich zu einem Click-Track die Gitarre eingespielt, anschließend den Gesang und den Bass aufgenommen. Dann habe ich mir das alles, bis auf den Click-Track, auf den Kopfhörer gelegt, und dazu die Drums eingespielt. Ich habe bei mir zu Hause aufgenommen und wirklich alles selbst gemacht; das Aufnahmegerät habe ich mit dem Fuß geschaltet, während ich hinter dem Drum-Set saß. Aber zumindest der zweite Take funktionierte. Ansonsten haben wir fast alle Basics live eingespielt. G&B: Jemand, der sich ebenfalls in letzter Zeit etwas mit den Beatles befaßt hat, ist Steve Lukather. Gilby: Ja, er spielt sogar ein paar Beatles-Songs. Seit letztem Jahr kennen wir uns etwas besser. In Sammy Hagars Club Cabo Wabo, in Mexico, hatten wir mal einen Gig zusammen. Mein Freund Phil (Soussan) spielt in seiner Band Bass, und so stieg Steve bei einem meiner Konzerte mit ein. Lukather ist es eher gewohnt, mit Leuten zu spielen, die eine Show abziehen, sich gegenseitig Licks vorspielen und so eine Wettbewerbs-Nummer auf der Bühne abziehen so Typen wie uns war er also nicht gewohnt. Und er hatte die beste Zeit überhaupt mit uns, es war seine Rock-n-Roll-Lektion. Wir zeigten ihm unsere Sachen, und er brachte mir solche Sachen bei, wie A-Moll-9 mit noch einer 11 irgendwo. Hahaha! Er nannte das immer die Erwachsenen-Akkorde". Das war immer echter Gitarrenunterricht, den ich von ihm bekam; Steve ist auf einem ganz anderen Level als wir, und es machte unheimlich Spaß zu sehen, was er aus Songs machte, die wir auch kannten. Er spielt so flüssig, so natürlich und so fremdartig für uns. Als er dann ,Red House spielte, haben wir ihn einfach nur mit Bass und Drums abfahren lassen; das war er gar nicht gewohnt. G&B: Hast du einen Favoriten auf ,The Hangover? Gilby: Im Moment ist der erste Track mein Favorit, ,Wasnt Yesterday Great. Ich wollte einfach ein Stück darüber schreiben, was ich zur Zeit tue. Es ist ein guter alter Rock-n-Roll-Song, mit drei Akkorden und mit einem Pop-Chorus ich bin glücklich damit. Ich bin stolz auf diesen kleinen Drei-Minuten-Song! Ich bin überhaupt glücklich mit dieser Platte, denn sie hat eine deutlichere Richtung als das erste Album: Damals hatte ich Pop-Nummern dabei, Rock-Songs, dann noch Blues und so was. Und diesmal steckt das alles in jedem einzelnen Song drin. Das neue Album hat viel mehr Identität. Ich bin einfach glücklich damit, obwohl ich nicht weiß, welche Platte jetzt besser ist. Jedenfalls sind das alles neue Songs... G&B: 36 Minuten Spielzeit ist für eine CD nicht gerade überragend. Gilby: (grinst) Ich wußte wirklich nicht, daß die Spielzeit so kurz ausfällt. Irgendwas vergißt man immer. Ich dachte einfach, es sind elf Songs, und das ist OK für ein Album. Ich dachte nicht daran, daß sie alle nur drei Minuten lang sind. G&B: Auf der CD-Hülle klebt ein Sticker mit dem rechtschreibeschwachen Aufdruck: Ex-Rhythm Guitarist of Guns n Roses". Du bist also definitiv raus aus der Band? Gilby: Yeah. Und, ich weiß nicht wie bekannt das ist: Außer mir und Slash ist auch Matt (Sorum) nicht mehr bei GNR. Und das ist hundertprozentig. Axl ist an einem Punkt, an dem er absolut machen will, was er nun mal machen will. Und jeder von uns hat versucht mitzuziehen, aber es funktionierte nicht... G&B: Andererseits hat aber fast jeder aus der Band schon auf einem Solo-Album das gemacht, was er neben GNR tun wollte. Angefangen bei Izzy Stradlin, Duffs Solo-Album, Slashs Snakepit, deinen beiden Platten... Gilby: ...und Matt und Duff spielen zusammen bei den Neurotic Outsiders. Das Snakepit-Album war ursprünglich als Guns-Platte geplant, aber Axl hatte dann keine Böcke. G&B: Und warum macht er nicht mal das, was auch Jon Bon Jovi tut, und spielt ein Solo-Album ein? Gilby: (grinst) Ich weiß, ich weiß! Wir sind ja alle dieser Meinung und haben es ihm auch immer wieder gesagt. Mach doch mal, mach das was du machen willst, Mann! Aber er ist da irgendwie etwas anders drauf. Er wechselt lieber die Band um sich herum aus. G&B: Da scheint jemand nicht zu kapieren, daß es die Band Guns N Roses" war, die diesen Erfolg hatte. Ich mochte einige euerer Solo-Alben zwar mehr, als einiges von GNR, aber gekauft hat die doch niemand...? Gilby: Großen Erfolg hatten wir damit nicht, nein. Es ging immer um die Band, und jeder, außer einem in dieser Band, weiß das auch. Nur hat dieser eine eben die Kontrolle. Andererseits kann er uns nicht zu etwas zwingen; wir ihn natürlich auch nicht. G&B: Nennen wir es also mal einen Lernprozeß. Gilby: Genau, aber wir werden sehen was passiert und wohin er führt. (grinst) Jedenfalls führt Axl ein etwas langsameres Leben als wir. Wir haben alle schon eine Menge Platten gemacht, seit es nicht mehr läuft mit der Band... G&B: Und alle diese Platte zeigen euch auch als gute Songwriter. Das kann man von anderen Solo-Exkursen anderer Band-Musiker nicht immer behaupten. Gilby: Klar, das ist verrückt. Ich mag auch alle diese Platten: Duffs Album ist natürlich das konfuseste; seine Energie und sein Spirit sind so umwerfend präsent in dieser Musik. Mit diesem ständigen Fuck you!" habe ich zwar so meine Schwierigkeiten (lacht), aber er hat ein tolles Album gemacht. Ich bin froh, daß wir alle auch so ganz gut zurechtkommen. G&B: Wobei die wirtschaftliche Situation für Musiker in L.A. sicher auch nicht besser geworden ist. Gilby: Natürlich nicht. Vor ein paar Jahren habe ich mit Club-Touren richtig gutes Geld verdient, heute mache ich, bei gleicher Anzahl von Gigs, noch ungefähr die Hälfte. Und die großen Bands von heute spielen alle in den Clubs; früher, als Guns noch groß waren, spielten wir in Stadien. Heute spielen Bands von diesem Kaliber im Roxy (Club am Sunset Bld. in Hollywood; d. Verf.). So gesehen stehe ich mit meinen paar verkauften Platten als Club-Spieler heute in Konkurrenz mit Acts, die goldene Schallplatten bekommen haben. Das ist natürlich eine Sache, die nicht gerade einfach ist. G&B: Stichwort Konkurrenz": Hast du ein paar Platten-Tips? Gilby: Es gibt da eine neue Band, The New York Loose, die mag ich sehr. Sie haben so etwas von diesem alten Ramones-Geist, diesem Punk-Spirit, und so eine Art von Rock mag ich. Sehr einfache Sachen. Und das Album von Space Hog fand ich sehr gut. (Gilby blättert in der mitgebrachten G&B-Ausgabe) Und die Foo Fighters eine tolle Band! Genauso Chris Whitley, ich mag sein erstes Album sehr! G&B: Und was hältst du von Jewel? Sie hat ja nicht gerade nur Fans in Californien... Gilby: Jewel? (grinst) Weißt du was? Als sie anfing, war ich nicht gerade ein Fan. Dann sah ich sie ständig im Fernsehen, und jetzt mag ich das, was sie macht. Sie sieht gut aus, OK, und sie singt und spielt hervorragend. Sie schreibt ihre eigenen Songs, singt und spielt sie selbst, und sie macht die Sache live einfach nur gut. Was kann ich mehr von jemandem erwarten? Was glaubst du, wie viele Bands ich live gesehen habe, die absolut Scheiße waren? Ich liebe diese Einfachheit und Ehrlichkeit, diesen frischen, unverbrauchten Ansatz, und das auch bei Punk-Musikern; man muß nicht alles mögliche auf seinem Instrument draufhaben. Jewel ist einfach gut. Sie ist großartig! G&B: Lebst du immer noch in Hollywood? Gilby: Nein, das wurde mir zu gefährlich in den letzten Jahren. Niemand von meinen Bekannten lebt mehr da. Ich bin jetzt verheiratet, wir haben ein Kind, also sind wir etwas raus aus der Stadt gezogen, an den Rand von L.A... Ich habe mich früher in Hollywood nie unsicher gefühlt, aber es wurde dann wirklich gefährlich: Gangs, Schießereien... Ich weiß nicht ob diese Leute bei MTV wissen, was sie da getan haben: Gangs gibt es wahrscheinlich überall, aber sie waren immer ein Phänomen des Wohnviertels, der Nachbarschaft. Wenn man so etwas dann aber in Videos verherrlicht, dann wird es auch ein umfassenderes Phänomen, dann wollen plötzlich auch reichere Kids auf die Straße und bauen Scheiße. Diese ganzen Gangsta-Rap-Videos... weißt du, ich bin absolut gegen Zensur, und darauf baut unser Land ja auf, auf der Freiheit. Aber an bestimmten Stellen sollte man Verantwortung zeigen und sich Gedanken darüber machen, was gut und was schlecht ist denn darüber kann man frei entscheiden. Und diese Videos sind schlecht! Ich möchte nicht, daß meine Tochter mit solcher Musik aufwächst. Das ist konfus und gewalttätig. Und Gewalttätigkeit ist nicht gut. G&B: Aber sie hat eine Faszination auf manche Leute, wie alles was mehr oder weniger verboten ist: Drogen, Prostitution, Pornografie... Gilby: Genau das ist in Amerika das Allerletzte: Es ist OK, wenn im Fernsehen Gewalt zu sehen ist, aber Sex zu zeigen, das ist absolut nicht OK. In dieser Hinsicht sind sie weit zurück, sie verbreiten eine sehr schlechte Botschaft. Das ist keine Atmosphäre, in der man gerne ein Kind aufwachsen läßt... (lacht) Wir waren doch früher immer die bad boys in unserem Viertel, die Jungs, auf die man aufpassen mußte. Und dann mußte ich selbst wegziehen... Equipment Es hat sich absolut nichts geändert", erzählt Gilby zum Thema Technik". Ich habe praktisch nichts anderes verwendet, als beim letzten Album." Folgende Instrumente kamen zum Einsatz:
Gilbys Vox-AC30-Combos werden zur Zeit von einem Spezialisten überholt, der sie neu verdrahtet und etwas roadtauglicher gestaltet. Als ich mit Slash auf Tour war, sind alle meine Amps draufgegangen. Als ich nach Hause kam, hatte ich sie wirklich alle durchgeblasen. Und in Zukunft möchte ich nicht mehr fünfzehn AC30-Combos mit mir rumschleppen, nur damit abends zwei davon funktionieren." Für neues Equipment interessiert sich Gilby Clarke nur bedingt, aber von digitalen Gitarrenverstärkern hat er schon mal gehört: Leute aus der Entwicklungsabteilung von Yamaha riefen mich vor einiger Zeit an, und ich besuchte sie. Ich brachte meinen AC30 mit, und sie programmierten meinen Ideal-Sound dann in diesen neuen Preamp. Ich war wirklich beeindruckt, es funktionierte tatsächlich. Aber auf der anderen Seite bin ich eher altmodisch. Wenn ich live spiele und mich auf der Bühne umdrehe, dann möchte ich irgend so eine alte Kiste da stehen sehen." Wirklich neu ist nur eine custom made GMP-Gitarre, die Gilby seit kurzer Zeit spielt, außerdem hat er eine der letzten Dobros aus der alten Fabrik bekommen, bevor der Hersteller nach Nashville zog. Discografie
Gilby Clarke The Hangover (1997; die im März erschienene Japan-Version, die aktuelle europäische und die für den Herbst angekündigte US-Fassung des Albums unterscheiden sich in einigen Mix-Details) Lothar
Trampert Diese Story über Gilby Clarke, sowie eine Menge weiterer Interviews, Testberichte, Workshops, CD-Besprechungen, News etc. erscheinen in Gitarre & Bass 09/97. Ab Montag den 18. August im Handel! |