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Herr der Finger Früher war Samstags nicht nur Bade-Tag, der Samstag bedeutete auch lange aufbleiben zu dürfen und die neuen Charts im Radio zu hören. Die angesagteste Radio-Show kam jedoch nicht aus öffentlich-rechtlichen Funkhäusern, sondern vom American Forces Network AFN. Dort konnte man bereits Songs hören, die es sonst erst Wochen später im Schallplattenfachgeschäft zu kaufen gab. Neben der obligatorischen Kult-Sendung, der Wolfman"-Jack-Show, gab es noch eine weitere Musikstrecke, deren Jingle aus einem fulminanten Opener mit Gebläse, sowie hervorragender Rhythmus- und Gitarrenarbeit bestand. Wer, zum Teufel, konnte das sein? Erst Jahre später, und nur durch Zufall, erfuhr ich, daß jener Song aus der Feder von Lee Ritenour stammte: ,Feel The Night. Ist doch immer wieder erleichternd, wenn längst vergessene Fragen irgendwann beantwortet werden. Es ist schon komisch: In England hypen die Musikmedien mit pausenloser Begeisterung Newcomer-Bands, die nach wenigen Wochen bereits mehr Cover-Stories als Single-Veröffentlichungen zu bieten haben; Lee Ritenour dagegen hat zwar eine telefonbuchstarke Discografie aufzuweisen, trotzdem ist er höchst selten in den Schlagzeilen. Nach mehr als zwanzig Jahren im Musikbusiness, als Session-Musiker und Solo-Künstler, ist ein magerer Artikel fast alles, was über den Mann zu finden ist. Zeit also für ein längst überfälliges Porträt dieses Ausnahmegitarristen. Während sich viele junge Gitarristen in England an Leuten wie Eric Clapton oder Jimmy Page orientierten, hatte man in Los Angeles ständig Gitarristen vor Augen, die 100.000 Dollar im Jahr verdienten und dazu noch auf allen Platten von John Lennon bis Phil Spector spielten", gab Lee Ritenour mal in einem Interview von sich. Es mag seinem Ego gerecht werden, daß der sympathische Kalifornier nie den Hang zum extrovertierten Bandleader hatte; es darf allerdings auch spekuliert werden, ob er als Teenager mit seinem Talent nicht in der Studio-Szene seiner Heimatstadt Los Angeles einfach nur die schnelle Mark, bzw. den schnellen Dollar witterte. Wer hätte es ihm verdenken wollen? Zusammen mit Larry Carlton, David Paich, John Phillips, Harvey Mason und Dave Grusin gehörte er innerhalb kürzester Zeit zum Diamond Dozen", der Creme der Studio-Cracks, die für so ziemlich jede Produktion nach Hollywood oder Bel Air geordert wurden. Mit 23 nahm Ritenour sein erstes Solo-Album ,First Choice auf, von dem er inzwischen sagt, daß es seinen Stil nur ansatzweise" wiedergebe, da er zu jener Zeit schon zu stark daran gewöhnt war, andere Musiker zu begleiten" was ihm nicht zuletzt seinen Spitznamen Captain Fingers" einbrachte. Ritenour avancierte zum König des Kleingedruckten" auf Platten-Covern und CD-Booklets. Faszinierend ist dabei seine Fähigkeit, mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit zwischen den Stilen zu wandeln. Ob Big Entertainment" für Barbara Streisand, Pop mit Phil Collins, Jazz mit Harvey Mason, Fusion mit Don Grusin oder spanische Traditionals für Aranjuez man mag über derlei stilistische Brüche denken, wie man will. Die Frage der Kompetenz hat, bei dem, was der inzwischen 44jährige auf Tonträgern hinterließ, bislang niemand gestellt. Moin, Moin, Käptn G&B: Du hast gerade deine Europa-Tour abgeschlossen, wie waren denn die Reaktionen? Lee: Durchweg positiv. Die Menschen hier in Europa hören sowieso viel intensiver zu, Jazz hat hier eine lange Tradition und ein breites Forum. Ich habe gerade in Prag gespielt, dort sind wir sehr euphorisch aufgenommen worden... Ich werde nächstes Jahr wiederkommen und dann auch definitiv länger in Deutschland spielen. G&B: Dein Spitzname Captain Fingers" ist mittlerweile fast zu einem eingetragenen Markenzeichen geworden. Wer hat dir diesen Titel" eigentlich verpaßt? Lee: Ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung. Das ist lange her, ich glaube, es passierte zu Beginn meiner Session-Zeit. Ich habe eine Menge verrücktes Zeug gespielt und hatte irgendwann den Ruf, die meisten Akkorde, Licks und Chops drauf zu haben. Später habe ich dann darüber einen Song geschrieben: Captain Fingers". Ich dachte, wenn ich schon diesen Ruf habe, dann kann ich auch einen Song darüber schreiben. (lacht) G&B: Ein weiterer roter Faden in der Discografie deiner Solo-Albem sind die ,RIT-Variations. Weißt du eigentlich noch, wie viele Versionen du zu diesem Thema inzwischen veröffentlicht hast? Lee: Keine Ahnung! Nun, es gibt im Grunde eigentlich nur eine Original-Version, die ich dann immer wieder ein wenig verändert habe. Ähnliche Themen habe ich dann mit ,Captain Fingers und ,Captains Journey aufgegriffen. Diese drei Stücke sind aus der gleichen Zeit und einem ähnlichen Genre. G&B: Du hast dir Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre den Ruf des gefragtesten Session-Players in Los Angeles erspielt. Wie hast du dir eigentlich die verschiedenen Stilistiken, wie Pop, Jazz, Fusion, R&B oder Latin draufgeschafft? Lee: Durch meine Eltern wuchs ich mit einer Menge Musik auf, genoß eine Menge musikalischer Bildung, und hatte ein paar sehr gute Gitarrenlehrer. Ich begann in einer Dekade, in der die Verschmelzung der verschiedensten Stile, wie Jazz, Rock, Blues und Soul ganz alltäglich waren. Zu der Zeit gab es Radiostationen, wo du in derselben Show Jimi Hendrix und Miles Davis hören konntest. Deswegen mochte ich alles, wo Platz für gute Gitarrenarbeit war. G&B: Wen würdest du zu deinen Einflüssen zählen? Lee: Sicherlich Leute wie Howard Roberts, Joe Pass, Michael Bloomfield und auch Jimi Hendrix. Die Musik dieser Gitarristen habe ich versucht nachzuspielen. Auf der anderen Seite hatte ich klassischen Gitarrenunterricht, was mir später beim Blattspiel sehr half. Aber meine Leidenschaft galt immer dem Rock n Roll und dem Jazz. G&B: Stimmt es eigentlich, daß du zu jener Zeit mit David Paich auf Hochzeitsparties gespielt hast? Lee: Hey, woher weißt du das denn? G&B: Ich hab meine Hausaufgaben gemacht. Lee: Nun, Jeff Porcaro war damals auch dabei. Ich befürchte, ich muß gestehen, daß wir auf einigen Hochzeiten gespielt haben. Aber damals waren wir noch Teenager. G&B: Du hast dann in Los Angeles eine Menge Studio-Jobs für so ziemliche alle hochkarätigen Acts gespielt. Was war eigentlich die grauenhafteste Session, die du je erlebt hast? Lee: (Überlegt lange und angestrengt) Bestimmt eine, die ich verdrängt habe. (lacht) Aber ich will nichts schlechtes über Kollegen sagen, deshalb sollten wir diese Frage wohl besser überspringen. G&B: OK. Du sollst mal eine Session mit Ringo Starr und Keith Moon beide gleichzeitig an den Drum-Sets eingespielt haben, die allerdings nie veröffentlicht wurde... Lee: Stimmt. Das war wohl einer der witzigsten und seltsamsten Jobs, den ich je hatte. Steve Cropper hat das Ganze damals produziert, und wenn ich mich recht erinnere, hatte niemand einen Bassisten für die Aufnahme bestellt. Egal, es waren also Steve und ich an den Gitarren, Keith und Ringo an den Drums. Ich glaube, wir hatten zwar eine Menge Spaß, aber am Ende kam überhaupt nichts dabei heraus. G&B: Eine Session, die ich hochinteressant fand, war dein Gastspiel auf ,Concerto De Aranjuez, ein Fusion-Projekt, das Jazz-Gitarre mit spanischer Folklore verband, und das du mit japanischen Musikern eingespielt hast. Klingt zunächst mal ziemlich skurril... Lee: Das war es eigentlich auch. Ich habe damals mit zwei phantastischen japanischen Gitarristen gespielt, mit Kenji Omura und Kazumi Watanabe. Es hat großen Spaß gemacht, sie sind sehr feinfühlig und versiert. Ich finde es immer spannend, in Japan zu arbeiten. Es gibt dort viele interessante Gitarristen und eine Menge toller Aufnahmestudios. In den letzten zwanzig Jahren bin ich bestimmt vierzig Mal in Japan gewesen. Es ist ein tolles Land, in dem ich eine Menge Freunde und Fans habe. Die Menschen dort sind sehr aufmerksame, intensive Zuhörer, ähnlich wie in Europa. G&B: Wie hast du dich eigentlich auf deine Sessions vorbereitet...? Story by
Stefan Wach Das alles und noch viel mehr verrät Lee Ritenour in Gitarre & Bass 09/97. Ab Montag den 18. August 97 im Handel! |