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OK! Radiohead

„Radiohead are so good, they scare me", meinte Michael Stipe schon vor zwei Jahren. Recht hat er. Denn während man bei manchen Alben seiner eigenen Band R.E.M. gerne mal zehn von zwölf Titeln mit einem Nickerchen überbrücken kann, ohne dabei viel zu verpassen, ist ,OK Computer, das neue Werk der britischen Depressionisten um Darkmind Thom Yorke aufregender und abwechslungsreicher als Fotos von Mars-Steinen. Außerdem auch bunter und billiger...

Radiohead existieren bereits seit neun Jahren. Sänger Thom Yorke, die Brüder Jon (g/kb) und Colin Greenwood (b), Ed O’Brien (g) und Drummer Phil Selway hatten sich bereits in den späten 80er Jahren unter dem Namen „On A Friday" formiert. Ein paar Jahre später, genau am 05. 05. 1992, erschien dann mit ,Drill‘, die erste EP unter dem Namen „Radiohead". Im September desselben Jahres folgte ,Creep‘, und 1993 kamen immerhin noch drei weitere EPs dazu – die Wiederveröffentlichung von ,Creep‘ erreichte Position 7 der britischen Singles-Charts. Ebenfalls 1993 erschien dann das Radiohead-Album-Debüt ,Pablo Honey, dessen Verkauf in erster Linie vom ,Creep-Erfolg getragen wurde. Die Single wurde übrigens ’92/’93 von den Magazinen „NME" und „Melody Maker" zu einem der jahresbesten Songs gewählt.

Einige weitere Singles/EPs folgten, 1995 kam das zweite Album, ,The Bends, mit etwas tiefgängigeren, komplizierteren und depressiveren musikalischen Strukturen. Produzent war John Leckie, der von Pink Floyd bis zu den Stone Roses schon einige Acts der britischen Rock-Geschichte mitgeformt hatte.

Zurück in die Gegenwart: ,OK Computer ist in jeder Hinsicht eine Eigenproduktion der fünf Musiker, die diesmal zudem auf ein sehr großzügiges Angebot ihres Labels „Parlophone" zurückgreifen konnten: „Take as long as you want, record it wherever you want, with whoever you want", wird die Devise der Plattenfirma im Info zum neuen Album zitiert. Und während der Satz im alltäglichen Leben ungefähr weitergeht mit, „...but dont ask us for the money!" war das o. g. Angebot der Beginn einer intensiven Produktionsphase, die sich, unterbrochen von Live-Aktivitäten, über ein gutes Jahr erstreckte.

Ergebnis: OK Radiohead, aber von Computern ist eigentlich wenig zu hören. Und was noch schöner ist: Ausgerechnet mit ihrem dritten, musikalisch nicht gerade zeitgeistig-geistlosen Longplayer, knacken sie die Top-Positionen der internationalen Charts. Ist die Zeit reif für den Depressions-Soundtrack? Nr. 1 in England, Nr. 1 in Irland und Nr. 27 in Germany – das sind Charts-Einstiegsdaten, die eine klare Stückzahl sprechen; und auch in den USA tut sich was: Charts-Entry auf Position 21. Nicht schlecht.

Dazu kommt noch das geniale Comic-Video zu ,Paranoid Android, bei dem sich MTV gezwungen sah, den Zaubernebel der Zensur aus dem Sack zu lassen, um seine kleinen Zuschauer vor noch kleineren Zipfeln etc. zu schützen – dabei schauen die doch alle schon lange VIVA liebt dich. Die kleinen Zuschauer natürlich. Machen Radiohead ihre Ankündigung wahr, dann folgen noch elf weitere Videos, nämlich exakt zu jedem Song eins. Die Arbeitsplätze beim englischen Clip-Abspieler sind also gesichert, und mit viel Enthusiasmus kann man sich weiter ganz locker damit befassen, dem deutschen Markt Offenheit zu zeigen. „Wir schalten jetzt um zur öffentlichen Verbrennung von Rammstein-Videos at the Octoberfest-Wiesn in Munich."

Aber zurück zu Themen für die hörende und denkende Klasse: Radiohead Nr. 1 in England, Nr. 1 in Irland, Nr. 21 in den USA und Nr. 27 in Germany... – erste Frage an Radiohead-Gitarrist Ed O’Brien (29): Hat irgend jemand mit einem solchen Erfolg gerechnet?

Ed O’Brien: Nooo! Einen Number-One-Einstieg erwartet man einfach nicht, und außerdem hatten wir noch nie einen Nr.-1-Erfolg – über Platz 6 sind wir nie hinausgekommen.

G&B: Vor ein paar Jahren hat mir Reeves Gabrels von der David-Bowie-Band den Tip gegeben, daß die Smashing Pumpkins mal ganz groß werden – und er hatte bekanntlich recht damit. Vor ungefähr zwei Jahren fragte ich ihn dann nach einem weiteren guten Tip, und er nannte den Namen „Radiohead"...

Ed O’Brien: Oh, wirklich? Wow! (freut sich) Hahaha!

G&B: Vor ein paar Wochen habe ich ihn dann wieder getroffen, und wir haben kurz über diese Geschichte gesprochen. Er ist ein Fan euerer Musik, und er grinste ständig, als hätte er gewußt, daß der Erfolg kommen würde.

Ed O’Brien: (grinst auch) Ich kenne die Sachen, die er mit Bowie gemacht hat. Er ist ein absolut eigenständiger, eigenwilliger Gitarrist... Meiner Meinung nach hat man als Gitarrist die Aufgabe, die Verantwortung, einen eigenen, neuen Sound zu finden. Das muß man nicht unbedingt mit neuer Technologie tun. Ich arbeite zur Zeit ganz gerne mit alten Bodeneffekten, alten japanischen Verzerrern aus den 60ern, und so was. Und auch mit solchen Sachen kann man noch neue Sounds erzeugen. Meine Lieblingsgitarristen haben immer irgend etwas Neues zustande gebracht: Peter Buck von R.E.M. hat einen sehr eigenen rhythmischen Stil auf seiner Rickenbacker, Johnny Marr (von The Smiths, The The, Electronic; d. Verf.) ist vielleicht der größte Arpeggio-Spieler, vielleicht sogar der größte Rhythmusgitarrist der 80er, The Edge von U2 hat viel mit Sound und Feeling angestellt – solche Leute interessieren mich sehr. Eigentlich sind sie eher Anti-Gitarristen, und in technischer Hinsicht sicherlich nicht so ausgereift wie Yngwie Malmsteen, aber das Feeling, das sie mitbringen, ist ungleich stärker.

G&B: Ikonen wie Malmsteen haben aber auch sehr viel an Originalität, Flair und Ausstrahlung verloren, weil du in jedem Musikladen oder Rock-Club einen Gitarristen findest, der sie kopieren möchte und das nicht kann.

Ed O’Brien: Ja, das ist richtig. Mich hat allerdings diese ganze „x Noten pro Sekunde"-Abteilung nie interessiert. Zu meinen Favoriten gehören eher Leute wie Steve Cropper, Musiker, die in erster Linie Teil einer Band sein wollen. Ich bin auch Teil einer Band, Jonny (Greenwood, der andere Radiohead-Gitarrist) ist ein anderer Teil, wir sind Bausteine des Ganzen. Und wir schreiben Songs. Auf dem neuen Album sind aber auch ein paar Nummern, bei denen wir nicht einen Ton spielen – und das finde ich cool. Es geht um die Band, nicht um ein bestimmtes Instrument...

Das komplette Interview mit dem Radiohead-Gitarristen, sowie Informationen über sein Equipment und die Discografie der Band, gibts nur in Gitarre & Bass 09/97. Ab Montag den 18.08.’97 am Kiosk!

Lothar Trampert
Fotos: Tom Sheehan, L.J. Eifel

 

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