DREAM THEATER

DREAM THEATER

Wie hat Madonna mal gesagt: Express Yourself!

Der Broadway bestimmt den Pulsschlag, das Verkehrschaos in Manhattan steht wie immer kurz vor dem Infarkt. Hier, mitten im Moloch New York, sind die Herren Petrucci, Myung, Portnoy, Labrie und Sherinian dabei, den finalen Mix für ihr neues Album hinzulegen.

Unweit dem Central Park, in der Upper Westside befindet sich das Avatar-Studio, das ehemalige „Powerhouse", in dem auch schon Lou Reed, die Rolling Stones oder Jon Bon Jovi Meilensteine der Rockgeschichte aufgenommen haben. Hier laden Dream Theater zum Blick hinter die Kulissen der Produktion ihres neuen Albums ,Falling Into Infinity.

Nun York zeigt sich von seiner Schmuddelseite. Es gießt in Strömen. Ab der 50ten Straße, zwischen 9th und 10th Avenue, wird selbst das Viertel unwirtlich. Hier bestimmen nicht mehr die glänzenden Glasfassaden der Skyscraper die Straßenfluchten, sondern alte Lagerhäuser, Industriehallen und Gebäude nicht näher erkennbarer Bestimmung. Ecke 53ter Straße, hier ist es. Recht unscheinbar, im ersten Stock: das Avatar Studio.

Ein dickes Nichtraucherschild hängt im Vorraum, Unmengen an Flightcases stapeln sich, und geschäftige Menschen schleppen fleißig Equipment aus einem Lastenaufzug. Auf einem Tisch wellen sich alte Sandwiches und Unmengen an Fast-Food-Verpackungen warten auf Entsorgung. Ein netter Mensch der Plattenfirma stellt Produzent Kevin Shirley und Derek Sherinian vor, er ist heute dran ein paar Keyboard-Parts einzuspielen. Erster kurzer Einblick in das Herzstück des Studios, den Aufnahmeraum. Alles ist holzgetäfelt, es herrscht eine recht rustikale Atmosphäre, Fans schwedischer Möbelhäuser und finnischer Saunen würden sich auf Anhieb wohlfühlen.

Kevin Shirley, präsentiert eine erste DAT-Kasette mit fertigen Mixen. In John Petruccis Aufnahmekabine ist alles zur Abhörsession arrangiert. Das Material hat es ins sich. ,You Not Me birgt treibenden Rock mit einem ausgesprochenen Hymnen-Refrain, auf ,Just Let Me Breathe traktiert Petrucci sieben Saiten, zu ,Burning My Soul haben Dream Theater die Talk-Box wiederentdeckt und auf ,Lines In The Sand präsentiert das Quintett King’s-X-Sänger Doug Pinnick als Special Guest. Zwischendurch schaut Shirley immer wieder herein, zieht die Augenbrauen hoch, und will wissen, ob alles okay sei. Daumen hoch. Die Kommunikation basiert ohnehin nur auf Zeichensprache. Die Tracks sind höllisch laut.

45 Minuten später ist auch John Petrucci eingetrudelt, fluchend und pudelnaß. New York bei Regen, daß bedeutet, „no cab, no way." Auch Bassist John Myung und Frontman James Labrie sind gerade gekommen. Allerdings trocken. Sie hängen im Vorraum ab, und schauen Baseball. Die N.Y. Nicks verlieren, Labrie hört lieber seine Gesangs-Lines ab und Shirley kümmert sich um Sherinian. Zeit zum Gespräch mit den beiden Johns.

Falling Into Infinity

G&B: Ihr habt für die Aufnahmen Kevin Shirley als Produzenten gewählt. Warum gerade ihn?

Petrucci: Ganz einfach: Es mußte jemand sein, der mit uns und unserer Musik klarkommt, und jemand, dessen Produktionen uns gefallen. Bei Kevin und uns beruhte der Respekt auf Gegenseitigkeit.

G&B: Seine letzten Aufnahmen für Bon Jovi, Silverchair, Rush und Aerosmith waren bestimmt auch nicht ganz unwichtig, oder?

Myung: Klar, das war ein wichtiger Faktor. Wir wußten natürlich, mit wem er gearbeitet, und was für Resultate er erreicht hat. Außerdem war er wirklich interessiert mit uns zu arbeiten, das war uns ganz wichtig.

G&B: Ich habe den Eindruck, ihr habt diesmal ganz bewußt auf Songs hingearbeitet, die kürzer sind, kommerzieller und moderner klingen. Ist das ein Zugeständnis an die Charts und die Musikmedien?

Petrucci: Da magst du recht haben. Aber gerade die Radiolandschaft verändert sich ständig. Heute sind eben Bands mit netten, artigen Gitarren und hübschen Sängerinnen angesagt. Wie sollten wir da rein passen? Klar, du mußt bestimmte Formate erfüllen, was jedoch nicht bedeuten muß, daß du keinen bestimmten Stil mehr haben darfst oder deine Identität aufgeben mußt. Aber eine Band wie wir, mit langen Songs und Instrumentalpassagen, ist heute eben nicht besonders angesagt. Alles, was wir tun können, ist unserem Stil treu zu bleiben und zu versuchen, den ein oder anderen Song auch mal in vier Minuten hinzukriegen. (lacht)

G&B: Einige eurer Sounds und Riffs klingen heute viel zeitgemäßer. Sind das Nachwirkungen der Seattle-Szene? Haben euch eigentlich Grunge oder Alternative, die ja technisch eher unspektakulär sind, angemacht?

Myung: Nun, Musik ist und bleibt Musik, und Technik bleibt Technik. Viele Leute benutzen ihre Fähigkeiten, um sich hinter ihnen zu verstecken, und bleiben als Songwriter sehr limitiert. Für mich haben viele Grunge- oder Alternative-Acts eine Menge Energie. Bands wie Nirvana, Alice In Chains oder Soundgarden fand ich ziemlich klasse.

Petrucci: Es ist einiges dran an diesen Bands. Ich habe vor vielen Jahren Soundgarden gesehen, und mich hat diese rauhe, ungeschliffene Qualität in ihren Riffs fasziniert, ähnlich wie damals Led Zeppelin.

G&B: Wie seid ihr an die neuen Stücke herangegangen?

Petrucci: Gewöhnlich schreiben wir zusammen, üben ein paar Ideen, und jammen darauf. Meist sind das keine durchdachten Konzepte. Wir improvisieren einfach und daraus entsteht ein Song. Manchmal bringt auch einer von uns ein komplett fertiges Stück, das wir dann zusammen, als Band arrangieren. Es ist eine Kombination aus vielen Möglichkeiten.

G&B: Gibt’s bei euch auch gelegentlich Zoff beim Songwriting?

Myung: Es gibt natürlich immer unterschiedliche Meinungen, wie bestimmte Arrangements oder Parts klingen sollten, aber das ist vermutlich in jeder Band so. Wir ziehen uns zwar nicht die Boxhandschuhe an, aber manchmal gibt es schon sehr eindeutige verbale Kommunikation....

 

Der Produzent: Kevin Shirley

G&B: Kevin, wie bist du mit den Jungs von Dream Theater zusammengekommen?

Kevin: Ihr A&R-Manager sprach mich an und berichtete mir von ihrem Interesse. Ich muß zugeben, daß ich noch nie von ihnen gehört hatte. Dann rief mich jemand von ihrem Label an, ich wurde zu einem Meeting eingeladen, und hier bin ich.

G&B: Du hast gerade für Bon Jovi, Journey und Aerosmith gearbeitet. Was hat dich an Dream Theater gereizt?

Kevin: Sie haben mich musikalisch beeindruckt. Außerdem wollte ich nach meinen letzten Jobs erst mal keine großen amerikanischen Mainstream-Bands mehr produzieren. Ich will zukünftig lieber mit jungen Bands wie Silverchair arbeiten, das hat mir viel Spaß gemacht.

G&B: Bestimmt eigentlich immer dein persönlicher Geschmack die Auswahl, mit welchen Bands du arbeiten willst?

Kevin: Bis zu einem gewissen Punkt sicherlich. Aber das schwankt ständig. Ich habe einen sehr weit gesteckten Musikgeschmack. Ich bin ein großer Joni-Mitchell-Fan, habe Miles Davis sehr geschätzt und Led Zeppelin ist meine Lieblings-Band. Ich muß nur fähig sein, die Musik zu verstehen, dann kann ich auch mit einer Band arbeiten....

 

Das komplette Interview von Stefan Wach kann man in Gitarre & Bass 10/97 nachlesen – ab Freitag, 12. September, im Handel!

home