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Ein Blick hinter die Kulissen von Sanchez und Pro Tierra Wenn man an spanische Gitarrenbauer denkt, dann hat man ein spezielles Bild vor Augen: eine kleine, dunkle Werkstatt in einem Dorf irgendwo in den Bergen Spaniens, viele Spinnweben, wenig Licht und ein geheimnisvolle Atmosphäre. Das mag alles einmal so gewesen sein, aber heute sieht alles ganz anders aus. Denn Konzert- und Flamenco-Gitarren Made in Spain" sind heute zum Großteil in modernen Fabriken gefertigte Instrumente, die sich einen erstaunlichen Qualitätsstandard erarbeitet haben. Vor dreißig Jahren gab es entweder teure, handgebaute exklusive Fabrikate wie beispielsweise Ramirez, oder aber billige, nicht sondermäßig gute spanische Gitarren, die mal gerade für Einsteiger gut genug waren. Dann kamen die Japaner ins Geschäft, die mit noch niedrigeren Preisen aber einer weitaus besseren Qualität den Markt jahrelang beherrschten. Als in Japan die Löhne anstiegen, kam Korea ins Geschäft, später dann China und Indonesien. Da diese Billiglohnländer zwar die Preise, aber nicht die Qualität halten konnten, ergab sich für die neuen spanischen Gitarren-Hersteller ganz plötzlich ein Markt. Tradition, gute Qualität und vernünftige Preise machten die spanische Gitarre wieder konkurrenzfähig. Es ist also nicht verwunderlich, daß seit einigen Jahren in Deutschland die spanischen Konzert-Gitarren den Markt wieder im Griff haben, und in den unteren bis mittleren Preisklassen eine Menge verschiedener Fabrikate angeboten werden. Gitarre & Bass hat im Frühsommer diesen Jahres die Fabrik Raimundo & Aparicio SA in Valencia, Spanien besucht, in der die Fabrikate Sanchez und die Umweltgitarre" Pro Tierra gefertigt werden. Die gleiche Fabrik stellt für den deutschen Markt u. A. auch Modelle unter dem Namen Raimundo, Ortega und Martinez her. Vor 35 Jahren wurde die Firma gegründet, die ersten Jahre wurde nur für den spanischen Markt gefertigt, seit 20 Jahren werden Instrumente nach ganz Europa exportiert. Heute gehen 90 % der Fertigung in den Export Fabrikation & Hölzer Die Fabrik ist modern ausgestattet, hier werden in traditioneller Weise Konzert- und Flamenco-Gitarren gefertigt, Maschinen werden überall dort eingesetzt, wo die Qualität verbessert werden kann, jedoch werden viele Dinge noch per Handarbeit ausgeführt. In der Fabrik sind 35 Mitarbeiter beschäftigt, in diesem Teil Spaniens gilt noch die 50 Stunden Woche. 80 Instrumente pro Tag verlassen z. Zt. die Fabrik. Dank des über das ganz Jahr relativ gleichmäßen Klimas Sommer heiß, Winter warm können fast die gesamten Holzvorräte im Freien lagern und dort trocknen. Hölzer wie Palisander und Ebenholz lagern so, in grobe Stücke vorgeschnitten, drei bis sechs Jahre, bevor sie weiterverabeitet werden. Nach dieser Zeit wird das Holz auf 5 6 Prozent Feuchtigkeit in Trockenkammern heruntergetrocknet und dann bei 35 40 % Luftfeuchtigkeit verarbeitet. Aus allen Teilen der Welt wird das Holz bezogen, und es ist Vorrat für die nächsten 5 6 Jahre vorhanden. Palisander wird aus Indien geliefert, Mahagoni aus Afrika, Zeder kommt aus Kanada, Fichte aus Österreich, Ahorn aus Deutschland. Nur Zypresse für Flamenco-Gitarre stammt aus Spanien. Die gesamten Hölzer für die Pro Tierra Instrumente stammen aus Europa. (siehe Interview mit Gunther Reinhardt). Der spanische Halsfuß Die typische Spanische Konzert-Gitarre unterscheidet sich in einem kleinen aber wichtigen Detail von allen anderen: es ist der traditionelle spanische Halsfuß. Bei dieser Konstruktionsweise werden die Zargen in den aus einem Stück gefertigten Halsfuß eingesetzt, nachdem der Hals komplett gefertigt ist. Dann erst wird der Korpus zusammengesetzt. Der Übergang von Hals zum Korpus besteht also aus einem Stück Holz. Bei der herkömmlichen neueren Methode (z. B. Western-Gitarre, viele asisatische Konzert-Gitarren) werden dagegen Hals und Korpus getrennt gefertigt, und dann erst werden Halsblock und Block im Korpus mit einer Schwalbenschwanz-Verbindung zusammengeleimt. Die spanischen Gitarrenbauer schwören auf ihre Korpus/Halsverbindung, da sie ein etwas anderes Klangbild ergibt. Natürlich ist diese Bauart mit etwas mehr Arbeit verbunden. Hälse von Konzert-Gitarren werden nicht mit einem Stahlstab verstärkt, bei einigen teuren Modellen wird höchstens ein Ebenholzstück eingesetzt. Ein Konzert-Gitarren-Hals wird aus einem Stück Holz gefertigt, das aus Stablitätsgründen jedoch aufgesägt, und versetzt wieder zusammengeleimt wird. Interessanterweise übernimmt sogar das Furnier auf der durchbohrten Kopfplatte Haltefunktionen. Konstruktion Nachdem der Hals in einer Kopierfräse seine endgültige Form erhalten hat, wird zunächst die vorgefertigte Decke inklusive Verbalkung auf den Hals geleimt und zusätzlich getackert. Dann werden die Zargenkränze eingesetzt und mit der Decke verbunden. Nun werden die vorgefertigten Verstrebungen für den Boden eingesetzt. Zu guter Letzt wird der Korpus durch den Boden verschlossen. Durch die vorgewölbten Verstrebungen und eine leichte Wölbung der Zargen erhält auch der Boden eine leichte Spannung. Es folgen die Verschönerungsarbeiten, so werden die Korpus Ränder mit einer neuartigen Fräse vorbereitet, damit die Holzeinfassungen eingesetzt werden können. Dann wird das gesamte Instrument mit der Ziehklinge gesäubert, bevor es in Nebengebäude geht, wo geschliffen, lackiert und poliert wird. Nach dem Schleifen erhält die Konzert-Gitarre eine Grundlackschicht, es wird nochmals naßgeschliffen, bevor die endgültigen vier Polyuretan-Schichten aufgetragen werden. Der Poliervorgang ist zum größten Teil schon automatisiert, nur die endgültigen Feinheiten werden per Hand durchgeführt. Jetzt erst wird das Griffbrett nochmals plangeschliffen und die Bünde eingesetzt; erst kommt Leim in die Schlitze, dann werden die Bünde angesetzt, die Enden abgeschnitten und dann erst eingehämmert. Zum Schluß wird das gesamte Griffbrett mitsamt Bünden nochmals mit einer speziellen Poliermaschine in zwei Richtungen auf Hochglanz gebracht. Ein Novum in spanischen Gitarren-Fabriken. Bevor der Steg eingeleimt wird, muß per Fräse und Schablone der Lack entfernt werden, die letzten Feinheiten erfolgen per Hand. Nun wird in alter traditioneller Weise der aufgeleimte Steg mit Hilfe von Unterlegklötzchen und Kordel angedrückt, und 24 Stunden zum Trocknen zur Seite gestellt. Zum Schluß wird die Stegeinlage eingesetzt, Saiten aufgezogen, wie oben beschrieben das Griffbrett nochmals poliert, und fertigt ist die spanische Konzert-Gitarre. Die Unterschiede Bei Sanchez werden verschiedene Gitarren in unterschiedlichen Preisklassen gefertigt, vom Einsteigermodell bis zur 3000, DM teuren Konzert-Gitarre aus massiven Hölzern. Alle Instrumente werden zwar in der gleichen Fabrik, von den gleichen Gitarrenbauern gefertigt, jedoch werden in der Fertigung einige Unterschiede gemacht. Z. B. werden die Verbalkungen per Hand nachgearbeitet, die aufwendigen Korpus-Einfassungen nicht mit Klebestreifen sondern aufwendig mit Kordel fixiert. Und natürlich ist die Holzauswahl unterschiedlich. Coda Zur Zeit sieht die Lage in Spanien rosig aus. Die Auftragsbücher sind gefüllt, es gibt reichlich Backorders". Und auch mit dem Nachwuchs gibt es kein Problem. Einige Arbeiter sind schon seit 30 Jahren bei Sanchez, z. T. sind auch schon Söhne nachgerückt. Und im Großraum Valencia ist die Möbelindustrie recht stark, so daß Fachkräft jederzeit angeworben werden können. Durch eine familiäre Atmosphäre schafft man es, die Belegschaft bei Laune zu halten. Für die Zukunft ist geplant, auch ohne große Investitionen den Standard, die Qualität und die Preise zu halten, denn das hat man aus der Vergangenheit gelernt: Nur wenn man gute Qualität liefern kann, dann hat man auch Marktchancen. Und so sieht man die aufkommende neue Konkurrenz aus dem Osten Europas noch relativ gelassen, denn dort wird heute zwar weitaus billiger produziert, aber bei Weitem nicht in der wieder zurückgewonnen Qualität Made in Spain". Dieter Roesberg
Pro Tierra Back To The Roots Gunther Reinhardt hat sich in den vergangenen 17 Jahren für Akustik-Gitarren stark gemacht. Seit 1980 ist er Inhaber eines Ladens in Tübingen, in dem anfangs ausschließlich akustische Instrumente verkauft wurden. 1984 stieg der niederländische Gitarrenbauer Rudi Blazer in die Firma ein, und es wurde eine exklusive Werkstatt für eigene Instrumene und Reparaturaufträge integriert; kurze Zeit später wurde die Vertriebsfirma Blazer & Reinhardt gegründet. Seit 1986 hat sich das Vertriebsprogramm immer mehr erweitert, und heute werden die Gitarren von Sanchez, Seagull, Simon & Patrick, Art & Luthrie, La Patrie, Kentucky-Mandolinen, Regal-Dobros, L.R.Baggs-Pickups sowie diverses Zubehör vertrieben. Auf der Frankfurter Musikmesse 1994 wurden erstmalig Pro-Tierra-Gitarren vorgestellt, die in Tübingen entwickelt wurden und in Spanien, in der Sanchez-Fabrik, gefertigt werden.
G&B: Was ist Pro Tierra? Gunther Reinhardt: Pro Tierra ist der Versuch, erstens eine Konzert-Gitarre zu bauen, die nur aus massiven Hölzern gefertigt ist, zweitens eine Gitarren-Serie anzubieten, wo man klanglich ein breiteres Spektrum zur Verfügung hat, denn der Klang von einem Mahogoni-Sperrholz-Korpus kann nicht das Ende unserer Klangvorstellungen sein. Und da wir ausschließlich heimische und keine Tropen-Hölzer verwenden, kommt auch noch der Umwelt-Aspekt hinzu. G&B: Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Hatte es mehr mit dem Klang oder eher mit der Umwelt zu tun? GR: Am Anfang hatte es nichts mit Umwelt zu tun. Der Klang und das massive Holz stand an erster Stelle. Der Grundgedanke war, Hölzer zu nehmen, die hier heimisch sind, die mit den Leuten hier zu tun haben. Außerdem bin ich der Meinung, daß es für Gitarren ein breiteres Klangspektrum geben muß wie mit Mahagoni und Palisander. G&B: Wo wurden die Instrumente entwickelt? GR: Hier in Tübingen, wir haben zunächst Versuche gemacht, unsere erstes Modell war eine Western-Gitarre mit Ahorn-Boden, Fichten-Decke, Fichten-Hals und Zwetschgen-Griffbrett. Dann haben wir uns mit den Spaniern zusammen gesetzt, weil wir Konzert-Gitarren bauen wollten, und wir hier in Tübingen nicht in der Lage sind, große Stückzahlen zu bauen, und wir es ihnen in der Größenordnung und Qualität zugetraut haben. G&B: Gab es Probleme mit den andersartigen Hölzern? GR: Wir hatten die Idee, einheimische Hölzer zu verwenden, aber Kirsche, Birne, Nußbaum usw. waren bei Tonholzhändlern nicht zu kriegen. Zum Teil haben wir ganz Stämme gekauft und sie aufsägen lassen und sie dann selber getrocknet. Der Vorlauf, bis wir die erste Serie vorgestellt haben, betrug ca. 3 Jahre. G&B: Woher bezieht ihr die Hölzer jetzt? GR: Aus Österreich, Schweiz, Slowenien, und ein wenig in Deutschland. Wir liefern diese Hölzer nach Spanien, wo die Pro-Tierra-Instrumente exklusiv für uns gefertigt werden. G&B: Welche Hölzer kommen für was in Frage? GR: Für Hälse verwenden wir Ahorn oder stehende Fichte. Für Zargen und Boden nehmen wir je nach Klangvorstellung Ahorn, Birne, Kirsche oder Nußbaum, und als Griffbrettmaterial eignet sich vorwiegend Nußbaum, Birne oder Zwetschge. Die Decken werden aus Fichte gefertigt. G&B: Vielleicht kannst du kurz den Klang beschreiben. GR: Ahorn-Hälse klingen höhenreich und aggressiv, bei Fichtenhälsen kann sich der Klang mehr aufbauen, man kann ihn sich mehr erarbeiten. Für Boden und Zargen gilt: Ahorn klingt hart, aggressiv, rauh; Birne ist weicher und betont die Mitten; Kirsche ist wieder härter aber nicht so rauh, wirkt klarer und strahlender; Nußbaum kommt Palisander recht nahe, betont die Obertöne und bringt sie klar rüber. G&B: Was ist das Ziel bei den Pro-Tierra Instrumenten? GR: Ich möchte erreichen, daß sich auch andere Hölzer als Klanghölzer etablieren und eine klangliche und optische Alternative geboten wird. Und eigentlich ist das alles nichts Neues, denn früher wurde auch mit einheimischen Hölzern gearbeitet. Wir gehen quasi Back to the Roots".
Dieses Interview kann man in Gitarre & Bass 10/97 nachlesen ab Freitag, 12. September, im Handel! |