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Natürlich sind wir jung(geblieben), (multi)kulturell offen, sortieren unseren Müll und fahren nach Möglichkeit nicht in Urlaubsländer mit fragwürdigen Regimes (außer wenn sie billiger sind). Denn Toleranz muß auch sein. Aber seien wir doch mal ehrlich: Beim Thema Boy Groups" hört alles auf und keiner zu. Da reagiert der Körper schon heftigst beim alleinigen Nennen entsprechender Namen: Schüttelkrämpfe, Tränen und Pickel sind die prompte Folge. Schüttelkrämpfe, Tränen und Pickel? Dann wären Hasser und Fans von Boy Groups eigentlich fast identisch im Erscheinungsbild...? Mmmh. Wir tun was für die geistige Annäherung. Bitte weiterlesen und wachwerden. Wieso wachwerden? Na ja, liebe Gemeinde: Erstens gibt es mal gewaltige Unterschiede, im Leben allgemein wie in dieser Szene speziell. Der verblichene Knaben-Liederkranz von Take That (eine Wiedervereinigung steht angeblich kurz bevor...) hatte z. B. mit Gary Barlow zumindest einen genialen Songwriter in seinen Reihen, während dagegen Worlds Apart mit ihrem neuen Schwachwerk tatsächlich Welten von jeder Originalität entfernt sind. Manchmal stecken eben talentierte Musiker dahinter, manchmal nur Musikschauspieler, und gelegentlich auch tumbe Boylen deren Waschbrett nur von vorm Kopf vorn Bauch gerutscht ist". Nun, was hat das alles mit den Backstreet Boys zu tun? Von allem etwas: Singen können die fünf Florida Boys nämlich tatsächlich, gut aussehen auch, aber mit dem Songschreiben hält man sich (bzw. hält man sie) noch zurück. Dafür haben sie alle nicht den ganz großen unerwarteten Overnight-Sprung ins Business gemacht, sondern waren schon vor ihren weltweiten Charts-Erfolgen als Sänger, Schauspieler, Tänzer, Models etc. aktiv. Jetzt machen sie Musik, die Schublade heißt Boy Group", und die überwiegend weibliche Säuglings- bis Pubertierenden-Welt liebt sie die armen Kinder haben ja auch nie etwas besseres kennen gelernt: Der Fluch der späten Geburt... Und der Rest des Planeten verachtet BSB als Plastik-Weicheier und Business-Tamagochis der pauschale Fluch der engen Stirnigkeit. Analysieren wir doch mal: Es gibt da fünf junge Typen, die offensichtlich auch einigermaßen singen können. Es gibt Songwriter und Arrangeure. Es gibt Produzenten. Es entsteht ein Album mit durchschnittlich gutem, weißen Soul-Pop. Es wird eine Live-Band aufgebaut. Es finden weltweite Tourneen statt. Fazit: Ein paar Menschen tun nichts, worüber man sich aufregen muß, sondern eher etwas Belangloses, und verdienen ihr Geld damit. Für einige Beteiligte wird sogar ein Traum wahr, und sie verdienen plötzlich Geld mit ihrer Lieblingsbeschäftigung! Musikmachen ist eine feine Sache, dafür noch bezahlt zu werden geradezu genial. Wenn das Ganze in einem erträglichen Rahmen passiert, spricht man von Erfolg, wenn man sich außerdem keine schwachsinnigen Konzepte und unmögliche Arbeitsbedingungen mehr diktieren lassen muß, ist man wahrscheinlich schon ein Star. Und man ist dabei immer noch Musiker, befaßt sich also mit einer der schöneren aber auch unwichtigeren Sachen einer Welt, in der jeden Tag die größten Sauereien passieren, die man sich vorstellen kann. Mord, Vergewaltigung, Verstümmelung, Krieg, Vergiftung, Unterdrückung, Sklaverei, Folter sind natürlich bei der Musiker-Polizei und den Reinheitsverfechtern echten Groove-Gutes schnell mit einem Du, unheimlich Scheiße so was, echt." bewußtseinsmäßig abgehakt, damit man sich dann wieder reinen Gewissens darüber aufregen kann, daß Keith Richards keine Technik draufhat, die Stones seit Jahrhunderten doch immer dasselbe spielen, Bowie immer wieder was anderes machen muß und Wolfgang Niedecken doch nicht mehr glaubhaft über arme Hausbesetzer singen kann, weil er jetzt reich ist und ein Mietshaus besitzt. Und selbstverständlich sind Musiker Scheißvermieter, denn da ist immer Krach im Haus, sie erlauben Proberäume im Keller oder hören Springsteen beim Porsche-Waschen. Im Grunde hört man immer und überall immer wieder gleichgestrickte Vorurteile der Marke: Ich bin/weiß das/rieche besser" oder, Wer so aussieht, der kriegt die Wohnung nicht", ganz egal ob man sich unter coolen Musikern oder heißen Hirnen bewegt. In meiner Jugend, im 16 Jahrhundert in einer Lehmhütte der Südeifel hießen die Standardformeln Mach das Radio leiser!", Gute Musik muß nicht laut sein", Lange Haare sind ja kein Problem, aber gepflegt müssen sie sein. Also ab damit!" oder Elektro-Gitarre? Eine schöne Konzertgitarre ist ja wohl für den Anfang genug (nach drei Wochen vergeht die Lust ja dann sowieso...)". Na ja, ich selbst hatte es nicht gerade schwer: Trotz langer Matte und Räucherstäbchen stockten meine Erzeuger (trotz fehlender Begeisterung für das Laute) den Etat auf, und irgendwann hatte ich meinen Marshall-Schrägturm. Das klingt doch nach Toleranz, oder nicht? Und wenn ich darüber nachdenke, kommt es mir ziemlich beknackt vor, heute kleine Mädchen anzupöbeln oder zu verachten, nur weil sie auf eine Art Musik stehen, die vor 25 Jahren The Osmonds und The Jackson Five gespielt haben. Oder BritPop-Musiker, nur weil sie immer so scheiße drauf sind da würde ich nie was zu sagen... So, das wars fast schon. Ich war übrigens bei einem Konzert der Backstreet Boys, und es war wirklich kein schlechter Gig. Mindestens zwei der Jungs sind richtig gute Sänger (man hörts vor allem in ihren Solo-Spots), und ihre Begleit-Band weiß auch wie es geht. Und wenn 10.000 Teenies aufschreien und durchdrehen läuft es sogar Menschen kalt den Rücken runter, die noch ein paar Monate vorher gedacht haben, alle Boy Groups wären Poser. Und noch was: Als diese britische Boy Group 1962 ,Love Me Do spielte und damit eine gigantische Karriere begann, konnte man ja auch nicht gerade von beeindruckendem musikalischen Material sprechen. OK, immerhin haben sie selbst ihre Instrumente bearbeitet. Dafür aber nicht getanzt. Wie gesagt: Musik ist eine der schönsten, unwichtigen Sachen der Welt. Es lohnt sich fast immer, Musik zu machen, aber fast nie, sich darüber aufzuregen. Sagte ich gerade aufregen"? Hier ist das lange befürchtete Interview mit Backstreet-Boys-Gründer und Nachwuchs-Gitarrist Howard Dorough a.k.a. Howie D. (24) und seinem Lehrer, dem Backstreet-Band-Gitarristen Lenny Mollings. G&B: Howard, du hast nicht nur in Musicals und in einem Kinofilm mit Burt Reynolds gespielt, sondern auch Musik und Komunikationswissenschaften studiert. Howard: Ja, ich habe mich auf dem College und der High School intensiv mit Musik beschäftigt, mit Theorie und Komposition. Mein Schwerpunkt war anfangs die Musik, aber dann interessierten mich die Kommunikationswissenschaften genauso. G&B: Und du spielst schon relativ lange Gitarre... Howard: (grinst) Ähh, ich hatte Unterricht, als ich noch jünger war. Meine Mutter wollte, daß ich alle möglichen Instrumente lernte, und sie kümmerte sich auch darum: Gitarre, Keyboards, Akkordeon, Schlagzeug damals war ich sehr überfordert, da hat mich das alles eher erschlagen; und natürlich bin ich dadurch nicht lange genug bei der Sache geblieben. Aber seit ich viel mit Musikern zusammen bin, z. B. mit Lenny, interessiere ich mich wieder stärker für die praktische Seite und spiele auch wieder selbst. Ich würde gerne mehr Zeit damit verbringen, aber unsere Terminpläne sind im Moment mehr als verrückt. G&B: In welchem Alter hast du mit der Gitarre angefangen? Howard: Ich war ungefähr 12, es waren eben diese Gitarrenstunden auf der Akustischen, wo jeder mal durch muß. Es war damals eher so ein Abchecken von verschieden Sachen. In der Schule befaßte ich mich auch intensiv mit Singen und Schauspielen; aber ein paar Instrumente standen immer herum. G&B: Hattest du damals irgendwelche Idole? Howard: Als Gitarrist? (grinst) Lenny Mollings, er sitzt hier neben mir! Lenny: Aaaarrrhhhhh! Howard: So, jetzt möchte ich Gratis-Unterricht für die nächsten drei Monate. Hahaha! Wir waren neulich in Luxemburg zusammen bei einem Gig von Steve Lukather, den fand ich sehr gut. Lenny hat mir eine Menge über ihn erzählt, auf welchen Platten er schon gespielt hat, usw. Lenny: Steve ist jemand den ich als Musiker sehr bewundere, egal ob er mit Toto oder sonst wem spielt. Und natürlich Eddie Van Halen. G&B: Welche Tricks zeigst du Howard denn auf der Gitarre? Lenny: Wir fingen an mit einigen Chords und Melodien, die ich ihm aufgeschrieben habe. (grinst) Das wurde dann aber irgendwann verworfen, und jetzt arbeiten wir direkt an Songs; er lernt die Grundlagen also in der Praxis. Howard: (grinst) Ich will alles immer sofort auf der Bühne spielen können. Lenny: Howard ist absolut ungeduldig, aber das ist cool, das ist gut. Da kommen wir durch. Howard: Lenny hat mir gezeigt, wie man ,Quit Playing Games spielt, einen unserer Songs, der in jeder Show dabei ist. Dabei kann ich dann die zweite Gitarre spielen. G&B: Der Job, den du hier machst, ist aber sicher kein hundertprozentiger Musiker-Job da spielen doch Show-Elemente, Tanz, Schauspielerei etc. eine ebenso große Rolle wie der Gesang. Howard: Ganz genau. Es geht um all diese Dinge. Das ist die Show... Story:
Lothar Trampert Das komplette Interview mit Howie (und noch viel mehr...) erscheint in Gitarre & Bass 11/97 ab Freitag den 10. Oktober im Handel! |