Marshall JCM 2000 DLS 50

Marshall JCM 2000 DLS 50

Was kommt nach JCM 800 und JCM 900? Na, JCM 1000 doch wohl. Mitnichten, denn Marshall überspringt diese logische Fortsetzung, die Bezeichnung JCM 2000 soll schon herausstellen, daß man fürs nächste Jahrtausend gewappnet ist. Ob das stimmt, wird der Dual Super Lead 50 noch im alten zeigen müssen.

Innerhalb der neuen Verstärkerserie wird zunächst der zweikanalige Dual Super Lead mit 50 bzw. 100 Watt Ausgangsleistung erhältlich sein. Wer in diesem Jahr den Marshall-Stand auf der Musikmesse besucht hat, konnte neben Dummies des DLS auch solche einer dreikanaligen Version sehen. Um direkt irgendwelche Diskussionen im Keim zu ersticken, sei soviel verraten, man kann Zwei- und Drei-Kanaler nicht miteinander vergleichen, sie verfolgen gänzlich verschiedene Konzepte mit einer Gemeinsamkeit – Marshall-Sound. So soll hier nicht weiter spekuliert werden, wenden wir uns dem Zweikanaler zu.

konstruktion

Die Firma Marshall hat sicherlich, wie andere Mitbewerber auch, nicht nur „Rosinen" unter die Gitarristenschaft verteilt, andererseits einige Verstärker-Modelle, deren Sound sich regelrecht in unser Gehör fressen konnte, weil sie den „modernen" Gitarrenton eindeutig geprägt haben; dazu zählen sicherlich JTM45, der Nachfolger 1987, 1959 (alle ohne Mastervolume) und vor allem der seit 1975 gebaute 2203 (einkanalig, 100 Watt, erster Marshall mit Mastervolume) im JCM-800-Outfit (1981 – 1990). Und da ein Marshall nicht neu erfunden werden kann und braucht, hat man sich eben entschlossen, die Klangcharakteristik der Modelle 1959 und 2203 zu kombinieren und – voilà!

Die beiden Kanäle sind mit Channel A (Classic Gain) und Channel B (Ultra Gain) bezeichnet, jeder Kanal verfügt über Gain- und Volume-Regler. Neugierig machen die Druckschalter, die sich jeweils zwischen diesen beiden Reglern befinden. Hiermit kann Channel A Clean- oder Crunch-Sound, Channel B Lead 1 oder Lead 2 von sich geben. Allerdings muß man sich entscheiden, die Umschaltung kann nur manuell vorgenommen werden, eine Umschaltung per Fußpedal ist nicht vorgesehen; der Kanalwechsel läßt sich natürlich sowohl manuell als auch mit beiliegendem Fußschalter vornehmen.

Zur gemeinsamen Klangregelung (Bass, Middle, Treble, Presence) gesellen sich noch zwei Druckschalter mit den Bezeichnungen Deep und Tone; das erscheint zunächst etwas spartanisch, aber warten wir es ab. Der eingebaute Federhall ist überraschenderweise separat regelbar. Selbstverständlich gibt es noch den Intrumenteneingang sowie Netz- und Standby-Schalter.

Die Rückseite stellt dann die Anschlüsse für zwei Fußschalter (Kanalwechsel, Reverb), Send, Return des seriellen Einschleifwegs, daneben den Loop-Level-Schalter, drei Lautsprecherausgänge, Impedanzwahlschalter, zwei Sicherungshalter und die Netzbuchse bereit.

Im Innern des Ampchassis herrscht konsequenter Platinenaufbau, an Röhren zeigen sich vier ECC83 und zwei EL34. Die Endröhren sind einzeln abgesichert, allerdings verstecken sich die Sicherungen im Innern des Verstärkers. Begrüßen werden die Serviceleute, daß die Meßpunkte für den Bias-Abgleich von außen zugänglich sind und jede Röhre separat einzustellen ist.

praxis

Für den Hörtest habe ich eine 4´ 12"-Box mit Celestion Greenbacks gewählt, weil der Grundsound des Verstärkers im Vordergrund steht, Verfärbungen der Wiedergabe durch mittigere Lautsprecher, z. B., sollen außen vor bleiben. Der erste Eindruck bestätigt das, was wir ja alle schon wissen, der DLS 50 ist ein Marshall und setzt sich durch. Channel A im Clean-Betrieb ist in der Lage jene dicken, fetten, glasklaren Sounds wiederzugeben, für die eindeutig der „gutmütige" 1959 bekannt ist. Gain steht hier zwischen 10 und 12h, Volume nach Geschmack. Dreht man Gain weiter auf, entstehen je nach Ausgangsleistung der Pickups mehr oder weniger heftige Crunch-Sounds, die teilweise schon durchaus zum Solospielen (z. B. Blues) reichen. Der Amp reagiert dabei sehr schön auf Veränderungen der Anschlagstärke und das Gitarrenpoti. Ein Drücken des Clean/Crunch-Umschalters bringt zunächst einen deftigen Lautstärkeanstieg und ebensolche Verzerrung bei gleicher Reglereinstellung (also nicht darüber nachdenken, da könnte man doch umbauen zur Fernbedienung usw.). Spätestens jetzt wird wohl klar, daß der Amp zwar vier verschiedene Sounds bietet, von denen aber nur zwei zur Verfügung stehen. Dieser Lautstärkesprung hat damit zu tun, daß Crunch eine Anlehnung an den 2203 ist und der hat von Natur aus mehr Gain als der 1959. Natürlich läßt sich auch in diesem Modus eine Clean-Einstellung finden, wenn man nicht gerade mit Distortion-Pickups operiert. Gain und damit der Verzerrungsgrad kann feinfühlig über den gesamten Regelweg eingestellt werden. Crunch ist zwar schon untertrieben, denn die Zerr-Reserven sind schon enorm, aber durch die Regelcharakteristik (Gain) sind selbstverständlich harmonische, durchsetzungsfähige Crunch-Sounds realisierbar.

Channel B fängt dort an, wo A aufhört – weit gefehlt, mit leistungsschwächeren Pickups (Vintage-Singlecoils) kann es bei Lead 1 durchaus ziemlich clean klingen. Das hat seinen Reiz, weil dieser Kanal eine mittenbetontere Vorfilterung besitzt und somit die Gitarre fetter rüberkommt als in Channel A. Klasse sind die Crunch-Sounds, wobei die Gain-Reserven gegenüber dem anderen Kanal deutlich höher sind, so daß sich selbst die schwächlichsten Gitarren zu deftigen Leadsounds überreden lassen. Lead 2 zeigt einen noch etwas höheren Mittenanteil und liefert von dicken, singenden Leadsounds bis High-Gain die gesamte Palette des Zerr-Genres.

Und was ist mit Klangregelung? Gemeinhin gilt die typische Regelcharakteristik der Marshall-Tops als weniger effektiv, bis auf Höhen- und Präsenzregler. Die beiden tun sich hier auch wieder hervor, der Mittenregler ist wesentlich effektiver, Baß na ja. Und gerade diese Bässe sind doch das, was der neuzeitliche Gitarrist immer wieder auf den CDs seiner Vorbilder hört. Die können rein physikalisch zwar gar nicht von einer Gitarrenbox übertragen werden, sind ein reines Studio- bzw. PA-Produkt, aber haben wollen. Marshall hilft jenen Leuten mit dem Deep-Schalter, der genau jene Baßfrequenzen boostet, die einer Gitarre unten herum mehr Druck verleiht. Aber auch wenn man leise spielen muß (Befehl des Veranstalters), ist dieser Schalter goldrichtig, er fungiert als eine Art Loudness-Schaltung (siehe HiFi-Anlage), macht den Sound dann einfach runder. Wer es laut, hart und wenig herzlich braucht, drückt zusätzlich den Tone-Schalter und dreht den Mittenregler nach Geschmack zurück – Mitmusiker, volle Deckung, der Gitarrereo führt jetzt vor, was er sich schon immer unter einem amtlichen Brett vorgestellt hat!!!

Dafür dreht er aber freundlicherweise den Federhall ab (was sich generell empfiehlt), denn entweder hört man nix von ihm, oder es klingt als ob jemand vors Garagentor tritt. In diesem Fall sei dann die Frage erlaubt, warum unnützes Geschepper einbauen und der Einschleifweg ist lediglich seriell? Versteh’ ich nicht! Da soll ich also einen Amp mit wahrlich tollen Röhrensounds mein eigen nennen und die werden nach Einschleifen des ach so geilen Multi-Effekts mit 135 Effekten gleichzeitig usw. einfach kastriert, weil mein schönes Vorstufensignal zum Effekt umgeleitet, dort von A/D-Wandlern verstümmelt schließlich wieder zur Endstufe gelangt!? Also, Schepperhall raus, dessen Beschaltung zum parallelen Einschleifweg umfunktionieren und den vorhandenen seriellen beibehalten.

Und jetzt wieder zu erfreulicheren Sachen. Der DLS klingt nicht fokussiert, wie zum Beispiel ein JCM 900, sondern offen, transparent mit einer sehr dichten Verzerrung, die ihn nicht von vornherein als Rauhbein für bestimmte Stilistik abstempelt. Er gibt sich variabel, wenngleich nur zwei der vier Soundmöglichkeiten abrufbar sind, doch das reicht, um in verschiedensten Musikstilen klar zu kommen. Gegenüber anderen Verstärkern mit anerkannt gutem Leadsound-Potential hat der DLS einen großen Vorteil: Selbst bei heftiger Distortion und mittigen Pickups gibt es keinen Matsch-Sound, der DLS klingt zwar schön rund und fett, die Marshall-typische „Kante" sorgt aber dafür, daß sich der Gitarrist nicht nur als Alleinunterhalter sondern auch im Bandgefüge Gehör verschafft.

Der Kanalwechsel von Channel A zu B, kommt leicht verzögert (die Lautstärke wird kurzfristig runter- und wieder hochgefahren), von Channel B zu A geht’s direkt mit einem leichten „Plopp". Das hört sich dramatischer an, als es in der Praxis ist, mich hat es nicht gestört....

Udo Klinkhammer

 

Der komplette Testbericht (und noch viel mehr...) erscheint in Gitarre & Bass 11/97 – ab Freitag den 10. Oktober im Handel!

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