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Im Januar 1997, einen Tag nach der NAMM-Show, sind wir zu einem Besuch bei einem der derzeit interessantesten Gitarrenverstärker-Hersteller eingeladen. Matchless hat sein Hauptquartier im Osten L.A.s aufgeschlagen und auf dem Weg dahin regnete es, wie der Engländer zu sagen pflegt, cats and dogs" und zwar ziemlich große Tiere! Doch trotz der ungeheuren Wassermassen, die das auf eine Sintflut immer noch nicht vorbereitete Straßen- und Kanalisationsnetz L.A.s überfluteten, gelangten wir letztendlich trockenen Fußes zur Fabrik. Dieser alte, runtergekommene Chevrolet aus den Anfangstagen der 70er Jahre, bei dem die Holzwolle aus den Lehnen der Vorderbank (hier können noch drei Leute in der ersten Reihe sitzen!) quillt und sich so langsam trotz kalifornischen Schonwetters braune Roststellen breit machen, gehört also dem Chef? Wie wird es dann erst da drinnen wohl aussehen? Skeptisch betreten wir das von außen recht schmuck aussehende neue Fabrikationsgebäude und sind beeindruckt von der Sauberkeit und der wohlgeordneten Organisation, mit der sich Matchless uns nun präsentiert. Erst im Büro von Mark Sampson, dem Chef und Gründer von Matchless, stellt sich das Rock-n-Roll-Gefühl von eben wieder ein: Inmitten einer Sammlung von uralten Röhren-Radios, Grammophonen, Meßgeräten, Plattenspielern und anderen, ausschließlich röhrengetriebenen Geräten, die u. a. einen Altar für ein Jimi-Hendrix-Bild bilden, sitzt Mark Sampson in seiner abgewetzten Fransenlederjacke (Für $15 auf einem Flohmarkt gekauft", wie er mir später sagte) an seinem Schreibtisch. Zwei Stunden später verließ ich sehr beeindruckt von diesem Jungunternehmer, der seine Vision von einem exzellent klingenden und absolut roadtauglichen Gitarrenverstärker samt perfekt funktionierender Firma mit ca. 40 Mitarbeitern in die Tat umsetzte und trotzdem den Eindruck macht, als ob er erst am Anfang einer Entwicklung stünde, seine Firma. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne schien, der Freeway wartete so macht das Reporterleben Spaß! Am Anfang ...waren es zwei, nämlich Mark Sampson und Rick Perotta. Rick hatte ein Studio und handelte nebenbei mit Vintage-Equipment, während Mark hauptsächlich Verstärker reparierte. 1989 gründeten sie Matchless, eigentlich aus dem Grund, endlich einmal einen roadtauglichen Verstärker herzustellen. Mark: Ich habe damals oft die defekten AC30s von Jon Jorgensen (u. a. The Hellecasters, der Verf.) repariert. Jon wurde die treibende Kraft, die uns animierte, einen eigenen Verstärker zu bauen. Wir hatten damals nie daran gedacht, unsere Firma derart groß werden zu lassen. Wir wollten EINEN guten Verstärker bauen, nichts mehr. Zwischen 1989 und 1992 haben wir immer mal zwischendurch einen Amp gebaut, in meiner Garage, oder auf dem Küchentisch meines Partners, mehr oder weniger als ein gemeinsames Hobby. Jackson Browne lieh sich damals unseren ersten Amp für Studioaufnahmen aus, und gab ihn nicht mehr her. Sein Manager rief an und fragte nach dem Preis dabei wollten wir das Teil eigentlich gar nicht verkaufen. Dann kam die amerikanische Zeitschrift ,Guitar Player und meinte, wir sollten ihnen einen Amp für einen großen Vergleichstest schicken. Na gut, wir haben es gemacht und uns nichts dabei gedacht doch tatsächlich war unser Amp der beste von allen! Von da an begann unser Business zu laufen und eine Eigendynamik zu entwickeln." Doch bis der erste ernsthafte Verstärker, das Modell SC-30, ein 1´ 12"-Combo, auf dessen Schaltung alle folgenden Matchless-Amps aufbauen, fertiggestellt war, war reichlich Basisarbeit erforderlich. Das Herz jedes Röhrenverstärkers ist der Transformator, und damit fingen wir an", erinnert sich Mark. Wir ließen uns von einigen sehr klugen Ingenieuren Prototypen bauen, aber sie klangen einfach ,like shit." Nachdem er und seine Frau einen Transformator aus seinem Lieblingsamp geopfert und säuberlich zerlegt hatten, wobei sie über Wicklungsdraht, -dichte und -richtung akribisch Buch führten, waren sie in der Lage, einem Kleinhersteller die entsprechenden Vorgaben zu geben, so daß dieser nun einen gut klingenden Transformator herstellen konnte. Die meisten Bauteile in Matchless-Amps sind eher überdimensioniert. Die Widerstände in anderen Verstärkern vertragen z. B. in der Regel 0,5 Watt Leistung, Matchless verwendet jedoch 1- bis 2-Watt-Typen, die allein das Zehnfache kosten. Die Röhrensockel sind aus Keramik, die durch Silikon stoßgeschützt sind, die Potentiometer sind die besten und solidesten, die es auf dem Markt gibt, und alle Gehäuse sind nicht etwa aus kostengünstigen Spanplatten, sondern aus 11schichtigem Birkenholz gezimmert. Die Frei-Verdrahtungen es werden grundsätzlich keine Platinen benützt sind mit teurem Teflon-beschichtetem Kabel ausgeführt, dem die große Hitze, die in Röhrencombos entsteht, nichts ausmacht. Kein Wunder, daß die Matchless-Amps nicht nur klang-, sondern auch preismäßig eine exponierte Stellung auf dem Markt haben... Natürlich erfolgt alle Arbeit 100 % per Hand, die computerunterstützte Gravurmaschine für die Beschriftung der Frontplatten ist tatsächlich das modernste Gerät in dieser Firma. Damals, als anscheinend jeder einen Combo mit zwei 12"-ern haben wollte, bauten Mark und Rick den DC-30, bis heute das bekannteste Modell von Matchless. Er beherbergt zwei modifizierte 25- und 30-Watt-Celestion-Speaker. Zwei unterschiedliche Speaker in einem Combo? Der 25-Watt-Speaker liefert wirklich einzigartige Mitten, während der 30er deutlich mehr Bässe und Höhen hat; sie ergänzen sich perfekt", erklärt Mark Sampson diese ungewöhnliche Bestückung seines Verstärkers. Eigentlich konnte ich mich nicht zwischen diesen beiden entscheiden, so nahm ich halt beide! Be different, hahaha!" Krawatten aus AC30-Bespannstoff Mark hat in seiner Pre-Matchless-Zeit neben Reparaturen und Modifikationen an Verstärkern unter anderem sein Geld damit verdient, daß er auf Vintage-Gitarrenshows Krawatten verkaufte, die aus dem Bespannstoff von AC30-Amps gefertigt waren. Seine Vorliebe für diese britischen Klassiker findet sich nicht nur in diesen exquisiten Kleidungsstücken, sondern auch in seinen Amps wieder. Ausgangspunkt war, wie oben schon gesagt, der Versuch, für Jon Jorgensen einen Amp zu bauen, der seine AC30s ersetzen und die Tour-Strapazen besser verdauen konnte als die englischen Verstärker. Ich habe mehr als 500 AC30s in meinen Händen gehabt und genau über die Macken, Tücken und positiven Eigenschaften jedes einzelnen Amps Buch geführt", sagt Mark. So waren wir in der Lage, einen gutklingenden Amp zu bauen, aber die negativen Eigenschaften zu verbessern." Es wäre jedoch unfair, Matchless-Amps als Kopien von AC30s zu bezeichnen (Marshalls werden schließlich auch nicht als Kopien des Fender Bassman bezeichnet, obwohl anfangs letzerer den englischen Konstrukteuren ebenfalls Pate gestanden hatte), denn im direkten Vergleich haben sie u. a. stark verbesserte Netzteile, sind frei-verdrahtet und die Vorstufe ist meist zweikanalig aufgebaut. Die Endstufensektion in ihrer Class-A-Technik ist allerdings der eines AC30sehr ähnlich. Wir wollten nie einen anderen Amp kopieren, obwohl es sicherlich für eine neue Firma auch nicht schlecht ist, mit einem Klassiker in Verbindung gebracht zu werden. So bist du schneller auf dem Markt. Natürlich sind wir vielen Einflüssen ausgesetzt, aber wir versuchen, sie zu verarbeiten und etwas eigenes aus ihnen zu schaffen", sagt Mark. Wir haben z. B. an unserem 30-Watt-Modell, das am ehesten einem anderen bekannten Amp gleicht, einen Phasenumkehrschalter installiert also ein sehr modernes Feature der vor allen Dingen dann wichtig wird, wenn zwei dieser Amps in stereo benutzt werden. Ich versuche immer, Altes mit Neuem zu verbinden. Bei den alten Amps hattest du z. B. immer das Problem, daß du sie richtig laut aufdrehen mußtest, um sie zum klingen zu bringen. Unsere Amps haben deshalb ein Master-Volumen-Regler. Etc etc." Der Name Matchless, und dies scheint den Firmenbesitzern wichtig zu sein, ist eine Verbeugung vor der englischen Tradition ist. Mark und Rick hatten seinerzeit beim ehemaligen Vox-Hersteller in England angerufen und sich erkundigt, ob der Name Vox mittlerweile frei wäre. Er war es nicht, also wurde statt dessen Matchless, ein Modellname der englischen Motorradmarke Triumph, ausgewählt. Tubes like to run hot Die Endstufen der Matchless-Amps arbeiten ausschließlich in Class-A-Röhrentechnik. Trotzdem sind die Amps so laut, daß selbst ein 15-Watt-Verstärker für einen Clubgig ausreichen würde. Das unweigerlich entstehende Problem der starken Erhitzung des Amps im Class-A-Betrieb wird besondere Bedeutung beigemessen. Tubes, vor allen Endstufenröhren, müssen heiß sein. Wir haben Versuche mit Ventilatoren gemacht und festgestellt, daß gut gekühlte Röhren weniger Leistung bringen! They like to run hot. Aber andere Komponenten wie Röhrensockel, Kondensatoren etc. sind gegen hohe Hitze allergisch. Also liegt der ganze Trick darin, diese Komponenten vor der großen Hitze zu schützen." Neue Produkte Matchless hat einen 45 Watt Bass-Combo namens Thunderman mit Flip-Top fertiggestellt. Vorbild war hier der alte Ampeg B15 bzw. B18, dessen Verstärkerteil ebenfalls zu Transportzwecken in die Box eingeklappt werden kann. Wir haben mehrere Verbesserungen gemacht, u. a. in der Lautstärke." Dann gibt es einen 100-Watt-Version des in den Staaten recht erfolgreichen Gitarren-Amps Chief. Wir mußten einfach auf solche Kommentare wie ,lauter, cleaner oder ,wenn ich ihn nicht so laut bekomme wie meinen Twin, dann kann ich ihn nicht benutzen reagieren." Daß Mark trotzdem bei der Wahl der Endstufenröhren die EL-34 den 6L6 vorzieht, liegt einfach daran, daß er ihren Sound viel lieber mag. Ja, sie klingen für mich im cleanen und im verzerrten Bereich einfach besser, sind brillanter und haben einen volleren Mittenbereich. Wir haben bei der Entwicklung unseres Chieftain alle verfügbaren Röhren getestet und uns dann für die EL-34 entschieden. Aber das ist natürlich nur mein persönlicher Geschmack." In Matchless-Amps hat allerdings der Gitarrist die Möglichkeit, jeden Röhrentyp zu verwenden, denn die Amps sind mit einer selbst-kompensierenden BIAS-Einstellung ausgestattet. Ebenfalls neu ist auch ein Signature-Amp für Jon Jorgensen, eine Variation des alten SC-30 der Amp, mit dem alles anfing. Der JJ-Signature-Amp ist mit Hall, Tremolo, Speaker-Phase-Schalter, Half-Power-Schalter und Master Volume ausgestattet. Bandecho in Pedalform Das brandneue röhrenbetriebene Bandecho-Pedal Echo Box ist ein really interesting fun project", wie Mark sagt. Das Pedal arbeitet mit einer normalen Endlos-Audio-Cassette und anstelle von elektronischer Tüftelei mußten wir uns diesmal eine ganze Menge rein mechanischer Tricks einfallen lassen, um das Ding zum funktionieren zu bringen." Mein Hörtest in der Höllenkabine, in der alle Matchless-Amps von einem freundlichen jungen Mann, dem die Lautstärke anscheinend nicht aufs Gemüt schlägt, auf ihre Funktionstüchtigkeit getestet werden, brachte ein recht bescheidenes, mupfiges" Echo mit einer maximalen Verzögerung von einer Sekunde ans Tageslicht. Dieses Pedal war allerdings ein Prototyp und laut Mark noch längst nicht zur Produktionsreife gelangt, obwohl schon viele Bestellungen vorliegen. Die Firma Matchless expandiert, erst 1995 wurde die Belegschaft verdoppelt und auch 1997 wird die Firma weiter wachsen. Mark betont, daß er weiterhin der kreative Kopf der Firma bleiben will. Er arbeitet einen halben Tag zu Hause an neuen Entwicklungen, den Rest des Tages leitet er seine Firma. Außerdem hat er mittlerweile geschickt ein System von Mitarbeitern in seiner Belegschaft aufgebaut, an die er bestimmte Tätigkeiten deligieren kann. Der Trick ist, soviel wie möglich an gute Leute zu delegieren, ohne das originale Konzept der Firma zu verwässern", umschreibt er dieses System. Zwischen 30 und 40 feste Mitarbeiter wie in fast allen kalifornischen Fabriken mexikanischer Herkunft bauen in hundertprozentiger Handarbeit zwischen 160 und 180 Matchless-Amps und etwa 250 Pedal-Effektgeräte pro Monat. Marketing ist alles Was hält Mark von neuen digitalen Amp-Konzepten wie bspw. Line Six und Digitech? Ich finde den DigiTech-Amp sehr interessant, denn sie verwenden Röhren als Soundbasis, aber digitale Einheiten, um die Röhren-Parameter zu verwalten. Eine faszinierender, innovativer Ansatz Hut ab!", meint Mark, der solchen Amps eine große Zukunft voraussagt. Die meisten digitalen Geräte wie auch der Line Six-Amp beschränken sich darauf, irgendetwas altes zu kopieren und das finde ich langweilig, denn in diesen Systemen steckt viel mehr drin. Aber ich befürchte fast, daß der Markt für solche Konzepte noch nicht so weit ist." Es ist sicherlich gut, ein wenig seiner Zeit voraus zu sein, aber zu weit weg... Wenn du 15 oder 20 Jahre zurückdenkst da hat doch keiner voraussehen können, daß Röhrenamps in den 90er Jahren völlig ,in sind. Nicht mal ein Outsider hätte daran auch nur einen Gedanken verschwendet. Man muß als Hersteller einfach sehr sensitiv für Kommentare aus allen Richtungen sein von Händlern, von Musikern, von neuen Bands bekommst du alle Informationen, die du brauchst wenn du genau hinhörst. Welcher Sound ist angesagt, welche Eigenschaften eines Verstärkers wollen sie? Und WARUM wollen sie gerade dies und nichts anderes? Das ist Marketing, und Marketing ist alles!" Verfolgt man die Geschichte der Verstärker chronologisch, tauchten immer wieder Hersteller auf, die neue Wege gingen, aber trotzdem entwickelte sich immer wieder alles auf die Röhrenamps ,zurück wie eine sich stets wiederholende Welle im Lauf der Zeit. Maybe the tube is the real thing? Röhren sind harmonischer, produzieren mehr Obertöne, sie sind musikalischer, die Verzerrung ist softer aber das ist sicherlich nur ein Teil der Wahrheit. Ich glaube, daß der typische Kunde das macht, was gerade angesagt ist. Er will das spielen, was ihn besser klingen läßt, aber er weiß nicht genau, wie das klingen soll. Dann orientiert er sich an angesagter Musik, an Werbung, an Kommentaren anderer Musiker etc. Selbst eine Firma, die innovativ und technisch auf einem so hohen Level ist wie DigiTech, fängt nun an, mit Röhren zu arbeiten. Ist das nicht interessant?", verliert Mark sich in Gedanken. Irgendwie auch lustig, oder?" Mehr Informationen enthält das firmeneigene Revolverblatt" namens THE SHREDDER, das unregelmäßig erscheint. Es ist entweder direkt bei Matchless, aber sicher auch beim deutschen Vertrieb erhältlich. Auch übers Internet ist Mark Sampson erreichbar: Class A What? Die meisten Röhrenverstärker arbeiten in zwei Abschnitten": der erste verstärkt die positive Halbwelle des Signals, der zweite die negative. In einem konventionellen Schaltungsdesign ist immer nur jeweils eine dieser beiden Sektionen aktiv, während die andere, die gerade nicht beansprucht wird, ruht. Das bedeutet, daß die Röhren nur zu 50 % arbeiten und in den Ruhepausen immer wieder abkühlen können. Diese Schaltung, die A/B genannt wird, ermöglicht eine hohe Lautstärke und einen klaren, härteren Klang. Einige wenige Amps wie z. B. der AC30 bevorzugen jedoch besagte Class-A-Schaltung, bei der die Röhren immer aktiv sind und deshalb sehr heiß werden, weniger Output haben, aber, wie nicht nur Mark Sampson meint, einen besseren Klang produzieren. Typische Class-A-Sounds komprimieren früh, sind sehr dynamisch und klingen warm und obertonreich. Text:
Heinz Rebellius Diese Story (und noch viel mehr...) erscheint in Gitarre & Bass 11/97 ab Freitag den 10. Oktober im Handel! |