![]() 31 Jahre ist es her, daß Jimi Hendrix von Animals-Bassist Chas Chandler aus New York nach London überführt wurde. Das war das Ende der Gemütlichkeit in der aufblühenden Rockmusik. Die Jimi Hendrix Experience mit Drummer Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding wird gegründet, und eine Karriere-Steilfahrt beginnt. Drei Jahre später verläßt Redding die Band, 15 Monate danach verläßt Jimi Hendrix Geist diesen Planeten. Das Geschäft kann beginnen allerdings ohne Mr. Redding. Hierzu mehr im folgenden Interview. Bevor es losgeht noch ein Hinweis in selbstloser Sache: Natürlich werden Journalisten nur zu Interviews gebeten, wenn es was zu verkaufen gibt: ,South Saturn Delta heißt das neue Jimi-Hendrix-Album, das am 13. Oktober erscheint. Und ob es wirklich neu, interessant und nötig ist, erfährt man bei Bedarf in der Rubrik "Disc", weiter vorne in diesem Magazin. Sonntag, 14. September in einem Londoner Hotel: Noel Redding (51) nimmt die mitgebrachte G&B-Ausgabe in die Hand, blättert etwas herum und erzählt, daß er einigermaßen die deutsche Schriftsprache lesen kann. Das hat er in den 60er Jahren, zwischen zahlreichen Gigs in Germany gelernt. Hier kann man ihn demnächst auch mal wieder live erleben: Am 11.10. tritt er in der Hamburger Fabrik beim Gitarren-Festival auf, am 16.10. spielt er bei Ulis Musik in Leverkusen, jeweils zusammen mit Hellecasters-Gitarrist Jerry Donahue und Gästen; außerdem sind einige TV-Termine sind geplant. Noel: Unter anderem werde ich auch mit Matthew (Jabs) von den Scorpions spielen. Er ist ein Gitarrist den ich sehr mag, ein netter Mensch. Wir haben uns auf einer Messe kennegelernt. G&B: Du hast schon sehr früh in Deutschland gespielt... Noel: Köln war die erste Stadt, die ich kennenlernte, das war 1964, ich war 18. Damals spielte ich mit Neil Landon & The Burnettes; wir haben damals im Storyville gespielt, am Kaiser-Wilhelm-Ring. Hahaha, das weiß ich noch. Und in Frankfurt, Wuppertal und Duisburg habe ich damals gespielt... Ja ich war noch sehr jung. Mit 17 wurde ich Profi, aber ich mußte ein Jahr warten, um eine Arbeitserlaubnis für Deutschland zu bekommen. G&B: Bei diesen Jobs warst du aber noch Gitarrist... Noel: Klar. Angefangen habe ich mit 9 Jahren mit der Geige, das war eine harte Sache. Dann habe ich Mandoline gespielt, danach versuchte ich das Banjo, und mit 12 oder 13 fing ich an Gitarre zu spielen. Ein Jahr später spielte ich in meiner ersten kleinen Band. Und mit 17 war ich Profi. G&B: Welche Art von Musik hast du dir Mitte der 60er Jahre angehört, also in der Zeit, als du Hendrix trafst? Noel: Die frühen Sachen, das war Skiffle-Musik, das was Lonnie Donegan machte jeder kannte das. Dann hörte ich Ray Charles, Sam Cooke, Hank Marvin und The Shadows. Ich habe schon als Kind immer Radio Luxemburg gehört, die spielten auch solche Sachen. Ja, und dann kamen Booker T. & The MGs. Als wir dann später in Deutschland arbeiteten, wollten die Club-Besitzer immer Pop Music" hören; und als wir in Frankfurt spielten, da wo alle die amerikanischen Gis hinkamen, hörte ich zum ersten Mal etwas vom Blues. Da kamen immer ein paar schwarze Amerikaner an, sie erzählten was oder brachten mir eine Platte mit. Und ich hatte wirklich vorher noch nichts davon gehört. Ich bin ein Rock-n-Roll-Musiker, der vom Skiffle herkommt. G&B: Und die Geschichte, daß du bei der Audition mit Hendrix zum ersten Mal Bass gespielt hast, stimmt wirklich? Noel: Ja, ich war vorher nur Gitarrist. Ich hatte gerade eine Audition für einen Job bei Eric Burdon gehabt, aber den bekam jemand anders. Jemand fragte dann, ob ich nicht auch Bass spielen könne. Ich sagte: Nein, aber ich versuche es." Und dann kam ich mit diesem amerikanischen Gentleman ins Gespräch, wir tranken ein paar Bier, und er fragte mich dann, ob ich nicht in seiner Band spielen wolle. Als Bassist! Ich hatte wirklich bis dahin noch nie Bass gespielt. Thats it. G&B: Kannst du dich noch an dein damaliges Equipment erinnern? Noel: Yeah! Yeah. Wir spielten drei Nummern, ohne Gesang. Ein Drummer war dabei, ein Keyborder, Hendrix und ich. Chas lieh mir damals seinen Bass, es war ein alter Epiphone, so ein großer Semiacoustic. An den Amp kann ich mich nicht mehr erinnern...
I Dont Live Today You dont live today, Jimi! Was für ein Glück, denn so mußtest du den 14. September 1997 im Londoner West End nicht miterleben. Was war passiert? In 23 Brook Street hatte Hendrix-Freundin Kathy Etchingham einst eine Wohnung gemietet, in die Jimi Ende 68 einzog. Fast hätte er noch den Komponisten Georg Friedrich Händel kennengelernt, der im Nebenhaus residierte; leider war er aber knapp zweihundert Jahre vorher wieder ausgezogen, angeblich weil ihm diverse BritPop-Bands aus der Nachbarschaft den Nerv zum Komponieren raubten. Zurück in die Gegenwart? OK. Kathy Etchingham hatte angeregt, das ehemalige Hendrix-Wohnhaus, wie schon vorher mit Händels Asyl geschehen, mit einer sogenannten Blue Plaque" auszuzeichnen. Das ist keine seltene Form des Zahnbelags bei Alkoholikern, sondern eine simple Informations-Plakette, mit der inzwischen fast schon jedes zweite Haus in London bestückt sein soll. Hier das kommentierte PROGRAMME OF EVENTS dieses frühen Abends: 5.30 6pm Guests arrive: Sehr viel Publikum, Presse, TV, etc. ist vor Ort, einige bekannte Gesichter, Noel Redding, Pete Townshend, Colosseum-Sänger Chris Farlowe, ein Vertreter der Animals und eine ganze Menge nickend und winkend ins Volk grinsende und in die ihre gekommene Toupet-Träger, die allerdings nur fragende Blicke ernten: Who is that...?" Neben Initiatorin Kathy Etchingham, die kein Kamera-Objektiv unbelächelt läßt, haben sich einige weitere Musikfreundinnen der frühen Jahre versammelt Hendrix soll ja ein kontaktfreudiger Mensch gewesen sein, wißbegierig und auch immer interessiert an einer neuen, leckeren Frühstücks-Variante. Mrs. Etchingham erwähnt dann in einer kurzen Ansprache auch die vielen Freunde, die leider nicht anwesend sein können, nicht wegen Termin-Problemen (Jeff Beck hing wohl wieder unter seinem Auto), sondern weil sie nicht mehr unter uns weilen: Keith Moon, Brian Jones, John Lennon, Chas Chandler und viele weitere Freunde" von Jimi selbstverständlich vergißt sie ihre Nachfolgerin im Leben des Herrn Hendrix, Monika Dannemann, die sich im vergangenen Jahr das Leben nahm; aber schließlich hatte man sich ja dreißig Jahre lang gehaßt und gegeneinander prozessiert, und jetzt wollte man das Fest genießen. Und sagen wir es doch mal ganz offen: Auch mal selbst ein wenig gefeiert werden, ist ja eine feine Sache. Sooo einfach war die Zeit damals ja auch nicht. Schließlich war Jimi nicht einmal einkaufen... 6.00pm Ceremony opened by Francis Cornwath, Chairman, Blue Plaque Working Group. Stimmt. Und die Working Group hat wirklich gute Arbeit geleistet... Nanu, wer steht denn da mitten im Publikum, umringt von Journalisten? Es sind Jimis Vater Al Hendrix und seine Tochter. Der uralte Mann hat ziemlich feuchte Augen, als man ihn fragt, warum er sich denn nicht im abgesperrten VIP-Bereich aufhält. Er murmelt etwas von nicht eingeladen" oder ausgeladen" und seine Tochter schaut ebenfalls leicht irritiert. Na ja, was solls; irgendwann ist das Boot eben voll, Mr. Hendrix. Und andere wollen auch mal was vom Ruhm abhaben... 6.05 Speeches by Noel Redding and Pete Townshend Schön, daß auch zwei ganz normale Menschen eingeladen wurden. Noel bedankt sich kurz, liest etwas vor, und Pete Townshend hält ebenfalls eine kurze, erst selbstironische, dann intensive Rede: Wichtig zu sagen ist, daß Jimi extrem einzigartig war, als Musiker und als Performer. Wer nur seine Platten kennt, der kennt nur einen kleinen Teil dessen, was er als Musiker gemacht hat. Er war der absolute Meister der Live-Performance beeindruckend, überwältigend, erotisch, übersinnlich denn er brachte Licht auf die Bühne... Jimi war einzigartig, und nicht alle Künstler in Rock und Pop verdienen diese Auszeichnung. Er war ein Innovator in der Zeit als Rock, Blues und Jazz zusammenkamen Jimi hat so viele Strömungen zusammengebracht... Für mich ist er jetzt irgendwo da oben zusammen mit Miles Davis und Charlie Parker..." Pete Townshend unveils English Heritage blue plaque to Jimi Hendrix Die schlichte Gardinenleiste ermöglicht ein seitliches Fortbewegen der beiden Ado-Stores: zu sehen ist die Blaue Plakette". 6.20pm Photocall: window to right of blue plaque Winke, winke! Haallooo! 6.30pm Guests depart for private party courtesy of MOJO magazine Die wenigen bekannten Gesichter verstreuten sich schnellstens in diverse Richtungen, und die anhängende Blase hat den verblassenden Erinnerungen an das Damals wahrscheinlich noch mit ein paar Champagner-Inhalationen auf die Sprünge geholfen. Und auch diejenigen, die mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatten, nahmen sich mit Sicherheit eine der letzten Erkenntnisse von Jimi Hendrix zu Herzen: Bei Übelkeit immer stabile Seitenlage! Leider hat ihm diese Volksweisheit nichts genutzt, allerdings hat er sich daher die hier beschriebene Veranstaltung erspart. Andererseits und das muß man ja auch mal sagen: So eine TÜV-Plakette für kulturell bedeutendes Hausen ist ja auch eine feine Sache... Story:
Lothar Trampert Das komplette Interview mit Noel Redding (und noch viel mehr...) erscheint in Gitarre & Bass 11/97 ab Freitag den 10. Oktober im Handel! |