TOOTS THIELEMANS


TOOTS THIELEMANS
„Ein Gitarren-Magazin", schmunzelt Toots Thielemans, „klar, Gitarrist bin ich ja auch". Und offensichtlich amüsiert ihn die Vorstellung, mit 75 Jahren wahrscheinlich der älteste interviewte Musiker in Gitarre & Bass zu sein. Er konnte ja nicht wissen, daß in dieser Ausgabe auch ein Gespräch mit John Lee Hooker veröffentlicht wird – und der ist schon 80...

Toots Thielemans, bei dem Namen denken viele erst einmal an den Belgier mit dem „Schnorregiggele", wie die Alemannen (ein Volksstamm im Süden der Republik) die Mundharmonika liebevoll nennen. Das amerikanische Jazz-Magazin „Downbeat" hatte nach einer adäquaten Einordnung wie „Trompeter" oder „Saxophonist" gesucht – „Harmonicist" klänge nach einem New-Age-Psychoanalytiker und „Mouth Organist" klingt... eher unangenehm. So kamen sie auf die folgende Bezeichnung samt Definition: „Harmonicat (Substantiv), 1. Toots Thielemans, 2. jeder, der sonst noch Mundharmonika spielt und weiß, daß Thielemans die Nummer 1 ist."

Trotz der exotischen Mundharmonika, die vielen Filmmusiken, aber auch Band-Projekten wie Jaco Pastorius’ „Word of Mouth" ein unverwechselbares Glanzlicht aufgesetzt hat – Toots Thielemans ist im gleichen Maße Gitarrist. Bekannt ist er in der Sparte „6 Saiten" vor allem durch seinen Ohrwurm ,Bluesette‘, bei dem er nicht nur Melodie und Improvisation auf der Gitarre spielte, sondern auch noch wendig und geschmeidig mitpfiff.

1945 wird aus Jean Baptiste Thielemans Toots Thielemans. Nötig wurde die Umbenennung, weil sein Name auf Plakaten erscheinen sollte. „Jean Thielemans – nein, das swingt doch keinen Meter", sagt der Belgier selber. Zu dieser Zeit gab es in Amerika Musiker wie Toots Mondello und Toots Camarata, und der damalige Schlagzeuger seiner Band sagte, daß „Toots" doch auch ein Name für ihn sei.

1949 kam es dann zum ersten internationalen Kontakt: Benny Goodman hatte eine Aufnahme gehört, auf der Toots den Jazz-Standard ,Stardust‘ spielte – und er wollte „diesen Knaben" haben. Toots selber nennt die Begegnung „seinen ersten Zeh in der internationalen Tür". Mit Goodmans Band hat er dann in Holland und Schweden gespielt.

Schließlich ist er nach New York gezogen, und seit beinahe 50 Jahren pendelt er zwischen seiner alten Heimat Brüssel und dem Big Apple hin und her. Seine Jazz-Idole lebten alle dort, deshalb war er in die Neue Welt gegangen. Und er hatte Erfolg: Schon ein Jahr nach seiner Übersiedlung haben Charlie Parker und Miles Davis auf einem Jazz-Festival Riffs hinter seinem Mundharmonika-Solo gespielt...

,Bluesette‘, ein Gitarren-Evergreen? „Auf Befehl Stücke schreiben, das funktioniert nicht", sagt Toots. „,Bluesette‘ ist in einer Garderobe vor einem Auftritt mit Stéphane Grappelli entstanden, 1962. Ich habe einfach ein bißchen rumgemacht und Stéphane wollte, daß ich es sofort aufschreibe – toute de suite – und das Stück auch im Gig spielen. Ich habe es nach einer Blume ,Bluette‘ benannt, und ein schwedischer Produzent fragte: ,Das ist doch ein Blues, warum packst du also nicht noch ein ,s‘ rein?‘ Und mit dem Mitpfeifen – der Bassist Slam Stewart hat auch alle seine Solos mitgesungen, George Benson macht das heute auch. Die Sache verdient kein Denkmal, ist aber trotzdem sehr nett. Vor allem ist es gut bezahlt, wenn ich für Werbe-Spots pfeife."

Aber nicht nur für Seife hat Toots Thielemans die Lippen gespitzt, in die Saiten gegriffen oder in die Mundharmonika gepustet, auch bei Filmen wie „Midnight Cowboy", „The Getaway" oder der Sesamstraße hat er bei der Filmmusik mitgewirkt.

Andere Leute sind in Thielemans Alter längst im Ruhestand, während der Belgier nichts besseres zu tun hat, als zum Beispiel im Sommer alle Festivals abzugrasen: im Juni erst in New York, im Juli in Europa und im August ist Japan an der Reihe. „Obwohl ich eigentlich im August sehr gerne in Amerika bin..."

Mitte Juni war er eine der geladenen Größen bei der „Night Of The Legends" am Jazz-Baltica-Festival in Salzau. Sein Zeitplan war knapp bemessen, aber für ein Interview muß immer Zeit sein, fand Toots, auch wenn es schon nach Mitternacht war, kein ruhiges Plätzchen außer einer Parkbank im Schloßpark zu finden war und das Taxi schon wartete.

 

G&B: Welche verschlungenen Wege haben dich zur Gitarre geführt? Hast du eigentlich mit Gitarre oder mit der Mundharmonika begonnen?

Toots: Gitarre ist mein zweites Instrument, ich habe mit der Mundharmonika angefangen, als ich siebzehn war. Als ich langsam besser wurde auf der Mundharmonika, haben andere Musiker zu mir gesagt, ich solle doch das Spielzeug wegwerfen und mir endlich ein richtiges Instrument besorgen. Ein paar Jahre später, in der Besatzungszeit 1942 oder 1943, kam mir bei einem Freund eine Gitarre in die Hände. Ich habe ein bißchen daran herumgezupft und – es war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe angefangen, die Platten vom „Hot Club de France" mit Django Reinhardt und Stéphane Grappelli anzuhören. Am Anfang habe ich alles in dieser Richtung gelernt, dann habe ich ein paar Stunden bei alten Gitarristen genommen. Ich habe viel geübt und bin doch ganz gut geworden, glaube ich. In den 50er Jahren war ich – ich glaube, ich darf das sagen – einer der führenden Jazz-Gitarristen in Amerika. Ich habe von 1952 bis 1958 mit dem George-Shearing-Quintett gespielt, und der Sound der Band wurde durch die Kombination von Gitarre, Vibraphon und Piano bestimmt – und die Gitarre hatte da eine wichtige Rolle. Aber irgendwie hat die Harmonika immer mehr Aufmerksamkeit erregt als die Gitarre. Dabei habe ich habe die Gitarre immer geliebt und liebe sie immer noch.

G&B: Womit beschäftigst du dich im Moment?

Toots: Ich mußte die letzte Zeit etwas zurückstecken, ich war krank, ich hatte einen Schlaganfall. Aber in der letzten Zeit geht es wieder besser. Hast du das Konzert heute nachmittag gehört? Ich habe eine Menge Gitarre gespielt, es kommt wieder zurück. Ich war nie der schnellste Gitarrist, aber viele Musiker, mit denen ich gespielt habe, haben immer wieder gesagt: „Es ist nicht die Menge der Noten ,die du spielst, sondern die Qualität, die zählt." ...

Story: Angela Ballhorn
Fotos: Hyou Vielz

Das komplette Interview mit Jean Toots Thielemans (und noch viel mehr...) erscheint in Gitarre & Bass 11/97 – ab Freitag den 10. Oktober im Handel!

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