Ovation

Ovation

Lyrachord ist nicht etwa eine Artverwandte des Omnichords oder gar der Lyra, nichtsdestotrotz lassen sich sowohl Country-Balladen als auch mittelalterliche Minne- und Bänkellieder auf Lyrachord-Gitarren intonieren. Ovation-Gitarren sind Lyrachord-Gitarren – damit wird aber nicht etwa eine neue Gitarrengattung benannt, sondern „nur" das Material der Ovation-Bodies. Und Adamas? Adamas ist spanisch und bezeichnet einen Rohdiamant!

Wobei dieses Material Lyrachord, das seinerzeit vor etwa 45 Jahren von der Firma Kaman, die eigentlich im Hubschrauberbau tätig war, auch für den Gitarrenbau ausprobiert wurde, tatsächlich eine neue Ära der Gitarrengeschichte einleitete: Die Ovation-Gitarre wurde geboren – und zwar mit einem Lyrachord-Korpus, der durch seine hervorragenden akustischen Eigenschaften den Ovation-Gitarren einen eigenständigen Klang mit hohem Wiedererkennungswert bescherte! Den eigentlichen Erfolg dieser Gitarrenmarke markierte aber der Punkt der Firmengeschichte, als zum ersten Mal Tonabnehmer in die Gitarren mit dem runden Rücken eingebaut wurden. Denn auch beim Spielen auf meist lauten Bühne zeigt sich das Lyrachord von seiner besten Seite – durch seine hohe Materialdichte resoniert es so gut wie überhaupt nicht, die Ovation-Gitarren waren somit weitaus weniger rückkopplungsanfällig als andere Akustikgitarren. Von nun an ging’s bergauf, und die Ovation-Gitarren waren derart dominant, daß sogar der Begriff „Ovation" zum Synonym für Elektro-Akustik-Gitarren wurde. Im Laufe der Zeit bekamen die Amerikaner allerdings mächtige Konkurrenz aus dem Land der aufgehenden Sonne, allen voran Takamine. Schon allein deshalb ruhten sich die Ovation-Entwickler nicht auf den Lorbeeren der ersten Stunden aus, sondern präsentierten Jahr um Jahr immer neue Modelle, von denen viele bahnbrechende neue Ideen trugen. Ein gutes Beispiel sind die uns hier vorliegenden beiden Adamas-Gitarren.

konstruktion

Die Adamas-Gitarren wurden 1976 einer staunenden Musikerschar vorgestellt, denn sie entsprachen nicht gerade den Standardgitarren dieser Zeit. Und in der Tat, Charly Kaman, der mit der Adamas-Entwicklung seinen letzten großen Beitrag zur Ovation- und Gitarrengeschichte im allgemeinen beitrug, verwarf für dieses neue Konzept eine ganze Menge traditionelles Know-how – unter anderem auch die letzte Konzession, die die Ovation-Gitarren der Vor-Adamas-Ära an den traditionellen Gitarrenbau machten: die Fichtendecke. Ausgehend von der Binsenweisheit, daß eine Decke, je dünner sie ist, um so besser schwingt und einen lauteren und ausgewogeneren Ton erzeugt, versuchte er, extrem dünne Decken herzustellen. Da Holz jedoch nicht die nötige Stabilität bietet – die dünnsten Holzdecken liegen bei etwa 3,5 mm – entwickelte er eine Sandwichkonstruktion, bei der eine etwa 0,8 mm starke Schicht Birkensperrholz von zwei Schichten Carbongraphit ummantelt wird. Nach einiger Zeit des Probierens und Messens hatte das Entwicklungsteam die Stärken der drei Materialschichten optimal aufeinander abgestimmt und erhielten eine Decke, die nur noch ca. 1,27 mm stark war. Eine solch dünne Decke hatte es noch nie vorher gegegeben! Da sie außerdem auch noch resistent gegen Feuchtigkeit und Temparaturschwankungen ist, war sie für Kaman das Optimum.

Doch damit nicht genug, denn zu allem Überfluß stellte Charly Kaman fest, daß ausgerechnet das traditionelle Schalloch einen Großteil der Resonanzfähigkeit einer Gitarrendecke einschränkt. Bei Vergleichen mit Gitarren, deren Hals/Korpus-Übergänge am 12. und 14. Bund stattfinden, hatte er entdeckt, daß bei ersteren der Klang voluminöser war, weil der Steg etwas weiter vom Schalloch weg plaziert ist als bei 14-Bund-Gitarren. Nach einigen weiteren Versuchen konnte er klar nachweisen, daß das traditionell plazierte Schalloch der Decke einen wichtigen Schwingungsbereich wegnimmt und sie zudem so stark schwächt, daß eine zusätzliche kräftige Beleistung von innen notwendig ist, um eine ausreichende Stabilität zu gewährleisten. Auch diese Beleistung wirkt natürlich dämpfend auf die Schwingungen der Saiten, so daß er kurzerhand die Schallöcher links und rechts neben dem Halsansatz plazierte. Hier hatten sie am wenigsten Einfluß auf das Schwingungsverhalten der Decke und konnten trotzdem ihren eigentlichen Sinn und Zweck erfüllen. Dabei war diese Idee eigentlich gar nicht so neu, denn klassische Instrumente wie Geige oder Bratsche haben ihre Schall-F-Löcher ebenfalls seitlich der Hauptschwingungsebene sitzen, und auch einige Mandolinen- und Ukulele-Modelle aus den 20er und 30er Jahren wurden nach gleichem Prinzip – ob bewußt oder unbewußt, läßt sich nicht mehr feststellen – mit seitlich dem Hals befindlichen Schallöffnungen ausgestattet.

Die Anhäufung von 22 verschieden großen Schallöchern verlangte natürlich nach ein wenig Kosmetik, und ein ortsansässiger Designer entwickelte die blattförmigen „Epauletten", die den Adamas-Gitarren ihr unverwechselbares Äußeres geben und mittlerweile auch für andere Ovation-Gitarren (Elite-Serie) verwendet werden.

Für Beleistung der Adamas-Decken entwickelte Ovation nach vielen weiteren „Testfahrten" das sog. „Quintad Bracing", das eine fast parallel zu den Saiten verlaufende Beleistung vorgab und ein wenig an das fächerförmige Bracing von Konzertgitarren erinnert. Die Decke selbst ist in eine speziell gegossene Fassung aus Fiberglas, die auf dem Lyrachord-Korpus sitzt, nur eingehangen, was wiederum ihrem Schwingungsverhalten zugutekommt.

Die uns hier zum Test vorliegenden Modelle der Adamas-Serie unterscheiden sich in nur wenigen Punkten voneinander. Die Adamas-I-Serie, die Top-Line des Hauses, aus der unsere 12saitige Gitarre stammt, besitzt einen aufwendig geschnitzten Kopf, einen zweiteiligen Hals aus Nußbaum und einen geschnitzten Steg mit einem Saitenniederhalter aus Graphit. Die günstigere 6saitige Gitarre aus der Adamas II-Serie besitzt dagegen den normalen 5streifigen typischen Ovationhals, bei dem zwei breite Streifen Mahagoni eine Sandwichverbindung von 2´ Ahorn und Mahagoni einschließen, und keinerlei Schnitzereien.

Die Hälse beider Gitarren, die mit dem „Deep Bowl"-Korpus aus Lyrachord verschraubt sind, sind mit dem sog. „Kaman Bar" ausgestattet. Dieser Kaman-Bar besteht aus Aluminium und ist in etwa wie ein T-Träger im Querschnitt geformt. Die breite Seite, also der Kopf des T, ist mit der Griffbrett-Unterkante verbunden und liefert zusätzliche Stabilität, während in den unteren Teil der Halsstab aus gehärtetem Edelstahl eingelassen ist, dessen Einstellung korpusseitig erfolgt. Hierzu, und auch für andere Servicearbeiten, muß eine runde Platte auf der Rückseite der Gitarre abgeschraubt werden. Der Kaman-Bar selbst ist zusätzlich mit einem großen Halsfuß ausgestattet, der fest mit dem Halsblock des Korpus verankert ist und so großen Widerstand gegen den enormen Saitenzug entwickelt.

Die Hälse beider Gitarren sind in einem leichten V-Profil gestaltet, das fast schon ein wenig anachronistisch wirkt – wer verwendet, außer in Vintage-Neuauflagen, heute noch das V-Profil? – aber sehr angenehm in der Hand liegt. Die Oberflächen sind nicht lackiert, sondern geölt und gewachst und fühlen sich dementsprechend schön „holzig" an.

Das imprägnierte Griffbrett aus Nußbaum erstreckt sich über zwei volle Oktaven, wobei die letzten Bünde nur über einen Teilbereich der Gesamtbreite des Halses gehen. Der letzte Bereich des Griffbrettes liegt nicht etwa auf der Decke auf, denn auch das würde ihre Schwingungsfähigkeit beeinträchtigen, sondern schwebt über ihr, ohne sie zu berühren.

Die Griffbretteinlagen aus hellerem Holz an den typischen Stellen erinnern mich interessanterweise in ihrer Symbolik an die Luftfahrt, sie haben etwas Propeller- oder Hubschrauber-artiges an sich. Ein dezenter Hinweis auf die Herkunft der Firma Kaman?

pickup-System

Beide Gitarren sind neben dem Piezo-Pickup unter der Stegeinlage mit dem Optima-Preamp ausgestattet. Dieses Aggregat, das natürlich mit einer 9-V-Batterie betrieben wird, ist das beste, was Ovation derzeit in diesem Bereich bieten kann, und tatsächlich: Die Ausstattung ist reichhaltig, aber gleichzeitig sinnvoll. Neben einer Vierband-Klangregelung (Bass, 600 Hz, 6 kHz, High), deren Fader bei einem Regelweg von etwa 2 cm in der Mittelposition leicht einrasten, befinden sich ein stimmbarer Notchfilter zur Unterdrückung von Rückkopplungsfrequenzen, eine „Battery-Low"-Anzeige, natürlich ein Volumenregler, der ebenso wie der Notchfilter versenkbar ist, aber auch ein Stimmgerät mit an Bord! Das Stimmgerät wird durch einen Taster aktiviert und arbeitet etwa eine Minute, danach schaltet es sich automatisch ab. Wer wie ich beim Stimmen der 12saitigen Adamas mehr als eine Minute brauchte und flugs die Batterie auswechselte, weil das Stimmgerät nichts mehr anzeigte, hat sich an dieses System noch nicht gewöhnt, das im Bühnenalltag sicherlich wunderbar zu handhaben ist. Anschalten, stimmen, vergessen! Gut, daß das Stimmgerät auch im akustischen Betrieb, also ohne eingestecktes Kabel, funktioniert.

Der Batteriewechsel geht dank einer verschiebbraren Klappe wunderbar schnell und einfach. Neben einem hochohmigen Klinkenausgang steht ein niederohmiger XLR-Ausgang zur Verfügung, der die Verwendung einer externen DI-Box überflüssig macht. Über die XLR-Buchse kann zudem die Elektronik der Adamas-Gitarren auch mit 48-V-Phantomspeisung betrieben werden, ein Feature, daß die meisten Mischpulte mittlerweile besitzen und den Musiker mit Sicherheit vor dem immer drohenden Batterie-Knockout bewahren. Beide Ausgänge können zudem parallel benutzt werden...

Heinz Rebellius

  

Der komplette Testbericht (und noch viel mehr...) erscheint in Gitarre & Bass 12/97 – ab Freitag den 14. November im Handel!

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