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Noch lange, bevor der Begriff Crossover" als universelle Variable für schwer beschreibbare musikalische Phänomene herhielt, trieben Primus schon ihr respektloses Unwesen zwischen allen Stilen... Les Claypool, musikalischer Kopf und Querdenker aus San Francisco, bastelt mit Vorliebe schwer verdauliche Musikmixturen aus Metal-, Funk- und Jazz-Zutaten, die Kritikern und Fans gleichermaßen Anerkennung und Bauchschmerzen bereiten. Primus anarchistische Song-Strukturen treiben gewissenhafte Analytiker direkt in den Wahnsinn, während die Fans tiefer Frequenzen angesichts Claypools animalischer Bass-Bearbeitung mitunter Nebenwirkungen wie Frustration und Verzweiflung zeigen. Was bleibt ist Faszination. Und Kopfschütteln. Der Mann hat ne Vollmeise. Und Spaß dabei! Les Claypool bemüht sich sichtlich, nicht vor Lachen zu platzen. Für den Kollegen vom Rundfunk soll er ein Station-ID aufsagen, also jenes beliebte Hi, ich bin Soundso und ihr hört gerade den verschärftesten Sender der westlichen Hemisphäre." Claypools Variante geht etwa so. Hallo, ich bin Les von Primus, und ähm... wir spielen heute in eurer Stadt. Also, ähm, dann geht am besten irgendwo anders hin. Kommt bloß nicht zu uns, weil, ähm, wir sind wirklich fuck*n fürchterlich!" Die restlichen zwei Drittel des Trios, Drummer Brain Menta und Gitarrist Larry LaLonde, (den Joe Satriani übrigens für einen seiner talentiertesten Schüler hält, der jedoch laut Aussage seiner Bandkollegen nach jahrelangen Grunz-Lauten gerade erst anfängt sprechen zu lernen), winden sich vor Lachkrämpfen. Take Two!" Claypool, in Beavis & Butthead-Manier, möchte noch eine weitere Version probieren. Hallo, ähm, ich bin Les von Primus... ähm, paßt bloß auf die gefährlichen silbernen Space-Roboter auf, weil, ähm, die übernehmen in Kürze diesen Planeten. Watch out! Bye!" Wer mal Primus-Videos gesehen hat, oder mit der von Les und LaLonde selbst designten Enhanced-CD Tales From The Punchbowl" sein CD-Rom-Laufwerk gefüttert hat, bekommt visuell ein vorteffliches Bild, was in Claypools nicht ganz gerade gezimmerten Hirnkasten so abgeht. Der Mann ist bekennend süchtig nach Knetfiguren à la Wallace & Gromit, und untermalt sein Knet-Universum mit musikalischem Wahnsinn: Haarsträubende Tempiwechsel, groteske Gags, wüste Bass/Schlagzeug-Figuren, anarchistische Arrangements Wow! Und welcher Bandleader würde allen ernstes seine eigene Band öffentlich beschimpfen? Längst ist Primus Sucks!" zum Schlachtruf der Hardcore-Fans geworden. Es war die beste Marketing-Kampagne, die wir je gemacht haben", grinst der Schlacks am Bass. Die Krönung ist Claypools Stimme. Obwohl der Mann fast zwei Meter Lebendgröße mißt, raspelt er mit seiner eigentümlichen Froschstimme seltsame Texte zu noch seltsameren Songs, in denen er berichtet, wie er Meere aus Käse besegelt, oder einem Kotelet die Hand schüttelt. Was fragt man so einen Menschen? G&B: Um den amerikanischen Musikkritiker Bob C. Kirk zu zitieren: Du würdest lieber einen wohltemperierten Chardonnay genießen und seidene Unterwäsche tragen, anstatt ein Rockstar zu sein." Wie dürfen wir das verstehen? Les: Gott schütze Bob C. Kirk, hahaha! Nun, es war natürlich ein Scherz, seine Interpretation meiner Welt. G&B: Ich frag lieber nicht, wie die aussieht. Allein Primus-Platten zu analysieren, ist eine Aufgabe, an der man schon mal verzweifeln kann. Also überlasse ich das lieber dir. Wie würdest du ,The Brown Album charakterisieren? Les: Ganz einfach. Das beste Album, das wir je gemacht haben! G&B: Warum? Les: Nun, es ist eine Weiterentwicklung für uns drei, musikalisch, kompositorisch und was die Produktion betrifft. Wir sind diesmal einfach wirklich rundherum zufrieden. G&B: ,Tales From The Punchbowl habt ihr, abgesehen vom Multimedia-Teil der CD, ausschließlich digital produziert. Das ,Brown Album dagegen klingt äußerst analog... Les: Stimmt. Zuerst wollten wir das Album digital aufnehmen und mit Pro Tools produzieren, aber Brain legte sein Veto ein. Da du ihn, wenn er einmal Nein" gesagt hast, kaum noch überzeugen kannst, nahmen wir das Album also analog auf. Ich holte meine alte Tascam-388-8-Spur-Bandmaschine vom Speicher, die ich schon bei Suck On This" benutzt hatte. Damit haben wir dann Bass, Gitarre und Drums aufgenommen. Parallel dazu haben wir alle Tracks auch noch einmal mit digitalem Equipment aufgenommen. Nach dem Rough Mix haben wir beide Versionen Freunden von uns vorgespielt, ohne ihnen zu erzählen, welche Version analog und welche digital aufgenommen war. Das überraschende war, daß wirklich jeder fand, daß die analoge 8-Spur-Aufnahme besser klang. Also verkauften wir den ganzen Digital-Kram und sind nun gemachte Leute. (lacht) G&B: Tim Herb" Alexander, euer Dummer, ist nach dem letzten Album ausgestiegen, für ihn sitzt nun Brain Menta auf dem Hocker. Was für Qualitäten erwartest du als Bassist von einem Drummer? Les: Nun, für Drummer und Bassisten ist wohl das Hauptziel in ihrem Musikleben, einen guten Groove rüberzubringen. Mit Brain mußt du nicht lange reden zur Hölle der Mann hat schließlich mit Bootsy Collins gespielt, da sollte er wirklich den Groove verinnerlicht haben! Außerdem hat er ein gnadenloses Timing. Das ist ein weiterer Aspekt, der mir ziemlich wichtig ist. Mit Brain funktioniert es jedenfalls richtig klasse. Es macht Spaß, mit ihm zu spielen. G&B: Brains Schlagzeug-Sounds erinnern sehr an John Bonham was bei seiner Soundphilosophie ziemlich schlüssig ist. Gehen Primus nun back to the roots"? Les: Nun, was Brain betrifft, auf alle Fälle. Als er zur Band kam, hatte er schon jahrelang Sessions gespielt. Er ist ein absoluter Studio-Freak! Er hat für die Limbo Maniacs gespielt, für Bill Laswell, Bootsy Collins, Tom Waits und Godflesh, um nur einige zu nennen. Er hat sein Leben lang in Studios gelebt. Ich glaube, er hatte nie ein eigenes Appartement. (lacht) ... G&B: Gibt es Bands oder Musiker, die dich darüber hinaus beeinflußt haben? Les: Das ist schwer zu sagen, dazu höre ich zu viel unterschiedliche Musik. Außerdem prägt dich nie wieder etwas so extrem, wie in deiner Jugend. Und wenn es um diese Einflüsse geht, sind das mit Sicherheit Bands wie Led Zeppelin, P.I.L., Sly & The Family Stone und Tom Waits. Selbst die Beatles... G&B: Gab es abgesehen vom Treffen mit Geddy Lee mal so etwas wie den größten Moment" in deiner Karriere? Les: Das war vor kurzem, als wir in Boston auf einem Festival gespielt haben. Wir wollten gerade auf die Bühne gehen, und Brain hockte fasziniert vor Fiona Apples Piano-Stuhl und beschnüffelte ihn wie ein Hund! (lacht schallend) Das hat ihn ganz schön angetörnt. Wir haben alles auf Video festgehalten! G&B: Das zeigt eine ganz wichtige Seite von Primus euren ausgeprägten Sinn für Humor... Les: Humor ist der wichtigste Teil meines täglichen Lebens. Die Leute, mit denen ich zusammen bin, mit denen ich arbeite, oder befreundet bin, haben ein ausgeprägtes Comedy-Talent. Nimm nur Brain: Er ist wie Keith Moon völlig abgedreht. G&B: Und Larry? Les: Der hat seinen großen Auftritt zu Weihnachten. Da behängen wir ihn immer mit Lichterketten und Girlanden, hängen ihm Kugeln an die Ohren und zünden ihn an! Hahahaha! G&B: Frohes Fest! Discografie
Story by Stefan Wach
Das ungekürzte Interview mit Les Claypool & noch viel mehr kann man in Gitarre & Bass nachlesen. Die G&B-Ausgabe 01/98 ist ab Freitag 12. Dezember 1997 im Handel. |