Mike Stern

 


 

Mike Stern

Spätestens seit seinen gefeierten Aufnahmen und Live-Gigs mit Trompeten-Legende Miles Davis, ist der 1954 in Boston geborene Gitarrist Mike Stern ein Star der Szene. Seinen eher rockigen Ansätzen bei Miles folgten u. a. einige glattere Fusion-Produktionen, aber immer wieder zeigte sich auch Sterns Liebe zu den modernen Jazz-Standards. In dieser Richtung betätigte sich Stern auch auf seiner aktuellen CD ,Give And Take‘.

Erste Versuche als Gitarrist machte Mike mit 12 Jahren, aber ernst wurde es erst Anfang der 70er, als er ein Studium am Bostoner Berklee College Of Music absolvierte; u. a. war er dort Schüler von Pat Metheny. Anschließend spielte er mit der Bläser-Rock-Truppe „Blood, Sweat & Tears", mit der Band von Star-Trommler Billy Cobham, mit Trompeter Tiger Okoshi’s Band „Tiger’s Baku", und natürlich mit Miles Davis, zu dessen Comeback-Formation er ab 1981 gehörte. Mike: „Das war eine ganz große Herausforderung, ich kann es kaum beschreiben. Ich nahm sehr viel Neues auf, lernte viel und verarbeite heute immer noch Sachen, die mir Miles beigebracht hat. Es war oft ziemlich kompliziert, und ich habe mich als Mensch während dieser Zeit sehr verändert..."

In dieser Phase verband Mike Stern auch eine enge Freundschaft mit dem verstorbenen E-Bassisten Jaco Pastorius, und beide waren nicht nur für beeindruckende gemeinsame Gigs sondern auch für ihre Drogen-Exzesse bekannt. Von Heroin, Kokain, Alkohol und Zigaretten hält sich Stern seit Jahren konsequent fern – mit ein Grund für seine enorme Produktivität und Kreativität. Seit Mitte der 80er Jahre gab es von Mike Stern einige erfolgreiche Solo-CDs, veröffentlicht vom amerikanischen Warner-Label „Atlantic-Jazz"; ,Is What It Is‘ wurde 1995 für den Grammy nominiert. Bereits zwei Jahre zuvor wurde Stern vom US-Magazin „Guitar Player" zum „Best Jazz Player" gewählt.

Mikes Improvisations- und Kompositions-Stil kombiniert Blues-Elemente mit Chorus/Delay-Klängen, BeBop-Licks mit angezerrten Sounds, Chromatik mit Schönklang-Harmonien und eigene Themen mit Standard-Changes, so u. a. bei ,Hook Up‘ und ,One Liners‘ von seinem aktuellen Album ,Give And Take‘, die harmonisch auf den Klassikern ,Alone Together‘ und ,Softly As In A Morning Sunrise‘ basieren. Mit im Studio bei dieser Produktion waren John Patitucci (acoustic bass), Jack DeJohnette (dr), alternativ zu ihm Don Alias (perc), sowie bei einigen Tracks Michael Brecker (ts), David Sanborn (as) und Gil Goldstein (p).

Stern lebt heute in New York mit seiner Frau Leni Stern, die ebenfalls eine bekannte Gitarristin und Komponistin ist. Ein Tip für Großer-Apfel-Touristen: Wenn Mike nicht unterwegs ist, kann man ihn gelegentlich in der 55-Bar im Greenwich Village hören.

Hier Auszüge aus einem Interview, das nach Mike Sterns Deutschland-Tour in Köln stattfand. Der Meister wirkte relaxed, erzählte begeistert und mit Dauergrinsen im Gesicht, hörte zu, antwortete spontan, sympathisch und selbstbewußt – man hatte den Eindruck, Stern gehört zu den freundlichsten Lebewesen dieses Planeten.

 

G&B: Mike, die Tour ist, abgesehen von einigen Promo-Terminen zu Ende. Wann wirst du wieder in Europa live zu erleben sein?

Stern: Ich denke daran, im Sommer wieder hier zu spielen, mit welcher Band, weiß ich noch nicht genau: Zuletzt habe ich entweder im Trio mit Dave Weckl (dr) und Jeff Andrews (b) oder im Quartett, mit Lincoln Goines am Bass, mit Dave Weckl an den Drums und mit Bob Malach oder Bob Shepherd am Saxophon gespielt. Vielleicht werden im Sommer aber ein paar andere Leute dabei sein. Wir hören nicht auf mit dieser Besetzung, aber es muß auch mal etwas anderes passieren. Glücklicherweise habe ich inzwischen die Möglichkeit, zweimal im Jahr in Deutschland und Europa unterwegs zu sein.

G&B: Hast du jemals an eine Quartett-Besetzung mit einem Trompeter gedacht?

Stern: Die hatte ich schon, u. a. mit Tiger Okoshi – ein großartiger Jazz-Musiker, ein motherfucker! Ich dachte auch schon mal an Randy Brecker, und habe ihn neulich darauf angesprochen – mal sehen. Aber viele meiner Kompositionen funktionieren sehr gut mit Saxophon: Ich mag diese trockene Kombination von Gitarre und Sax.

G&B: Ich kam auf die Idee mit dem Trompeter, weil du bei Trompeter Miles Davis einen sehr rockigen Spielansatz hattest, offensichtlich Hendrix-orientiert. Und auf dem aktuellen Album spielst du die Band-Of-Gypsies-Nummer ,Who Knows‘ absolut jazzig, nur von A-Bass und Percussion begleitet. Wie würdest du heute zusammen mit Tom Harrell klingen, in einem modernen BeBop-Zusammenhang? Darin gefällt mir dein Spiel auf dem neuen Album nämlich am besten...

Stern: Freut mich, denn auf die straighten Sachen fahre ich auch ab; (grinst) aber natürlich habe ich auch schon andere Meinungen gehört. Im Ganzen kommen aber positive Statements, gerade zu dem lebendigen Zusammenspiel dieser Platte...

Ja, zu den Trompetern: Ich spiele auf dem letzten Album von Tom Harrell, ich glaube, das ist aber noch nicht veröffentlicht. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, hahaha! Er ist verrückt im besten Sinn! Aber ich bin einfach immer noch ein Fan von Tenorsaxophonisten: John Coltrane, Sonny Rollins, Jerry Bergonzi, Bob Berg, Joe Henderson – diesen Sound mag ich, zusammen mit der Gitarre. Besonders mag ich Trane (John Coltrane). Tenoristen und Pianisten gefallen mir am besten.

G&B: Welche Pianisten?

Stern: McCoy Tyner mag ich, ich liebe Bill Evans... – und viele andere. Aber ich rocke auch sehr gerne mal ab, mit Rockmusik bin ich aufgewachsen: Beatles, Stones, James Brown, Hendrix, viele Blues-Leute... – und das kommt auch raus, wenn ich spiele; auch bei einem Jazz-Tune wie ,I Love You‘. Mir ist es auch kackegal (im Original: „I don’t give a fuck") wo diese Einflüsse liegen und herkommen – ich lasse sie einfach raus. (grinst) Aber auf musikalische Art: Ich glaube nicht, daß ich ,Body & Soul‘ über ein aufgerissenes Marshall-Stack spielen würde...

Und dann kamen auch die Jazz-Player, Wes Montgomery, Jim Hall, dann wie gesagt die Tenor-Saxophonisten... (nickt) Ja, und die Trompete wäre eine weitere Möglichkeit. Eigentlich waren die frühen Aufnahmen, die ich mit Tiger Okoshi gemacht habe, sehr interessant.

G&B: Dein Ton und dein Spiel haben immensen Wiedererkennungswert, deine Bands genauso. Trotzdem habe ich mir beim Anhören von ,Give And Take spontan eines gewünscht: Warum spielt er nicht einmal ohne Chorus und Delay?!? Einfach die Gitarre pur in einen guten Röhren-Amp... Oder die Tele über einen Twin-Reverb mit JBLs, dann hast du den McCoy-Tyner-Sound für Gitarristen.

Stern: Ich weiß was du meinst. Aber ich spiele eine einfache Solidbody-Gitarre; wenn ich dagegen Tenorsaxophonisten höre, die haben einen Ton. Oder auch manche Rock-Gitarristen haben einen sehr großen, breiten Sound: Sie spielen viele Amps, mal mit Chorus, mal ohne, und sie haben immer diese vokalen Qualitäten in ihrem Ton. Wenn du die Gitarre pur in einen solchen Band-Zusammenhang reinmischst, dann klingt sie doch nur dünn, mittig und arm. Ich finde mein Sound geht da mehr in die Breite, er atmet. Und dabei helfen mir Chorus, Delay und solche Sachen.

Aber ich verstehe, was du meinst. Ein purer Ton kann auch mehr Persönlichkeit rüberbringen...

G&B: Sind dir in den letzten Jahren Gitarristen aufgefallen, die etwas Außergewöhnliches, etwas Neues mitbrachten?

Stern: Ich unterrichte ja sehr viel, und da passiert eine Menge. (grinst) In der Regel lerne ich nämlich mehr von meinen Studenten als umgekehrt. Und es gibt natürlich viele Leute die es können, aber auch immer mehr, die offener werden. Denn die Gitarre ist überall, in allen möglichen Stilrichtungen gibt es Gitarristen. Und daher macht es Sinn sich all dieser Musik zu öffnen und sich beeinflussen zu lassen. Darauf lassen sich immer mehr junge Gitarristen ein. Es gibt auch für mich, für Frisell, auch für Metheny, Sco, Abercrombie und einige andere, noch mehr Einflüsse als nur Jazz. In der Country-Music, im Rock, in der Klassik und im Jazz passiert eine Menge. Jay Azzolina ist so ein Gitarrist, der das erkannt hat, er ist ein Freund von mir, wir waren zusammen in Berklee. Jay hat leider nie die Anerkennung bekommen, die er verdient; er ist ein großartiger Schreiber und vor allem swingt er sich den Arsch ab. Er ist einfach sehr speziell. (Azzolinas Musik ist derzeit nicht auf CD lieferbar; im Internet kann man sich aber einige kurze Ausschnitte aus einem Album anhören: http://www.tunes.com/tunes-cgi2/tunes/release/173783/1/4 ; d. Verf.

Natürlich mag ich auch Leute wie Allan Holdsworth oder Scott Henderson – sie sind großartig, aber ich tendiere eher in die Richtung von Sco und Pat. Es gibt auch einige großartige Leute, die ich in New York unterrichtet habe, auch Europäer, aber ich vergesse immer ihre Namen. New York ist in dieser Hinsicht eine gute Stadt, dahin kommen viele Leute, die Jazz spielen und lernen wollen...

Linx!

Ein weiteres, umfangreiches Interview mit Mike Stern kann man in Gitarre & Bass, Ausgabe 01/1992 nachlesen.

The Official Mike Stern Homepage:

Eine Tabulatur von Sterns Solo über die Horace-Silver-Komposition ,Peace‘:

 

Techno

Bei Miles Davis spielte Stern, auf Wunsch des Meisters & Hendrix-Fans, eine Strat, ansonsten ist er überzeugter Tele-Player.

Mikes Markenzeichen ist allerdings überhaupt keine „Fender Telecaster", sondern eine zusammengewürfelte Mischung verschiedenster „alter Drecksteile", wie Stern meint: Fender-Broadcaster-Hals, Seymour-Duncan- und Bill-Lawrence-PUs, unbekannter Esche-Body.

Seine Hauptgitarre ist heute eine „Yamaha Pacifica PAC1511MS" („Mike Stern Model" mit Seymour-Duncan-PUs: ein ’59 am Hals und ein „Tele Hot Rail" in der Bridge-Position). „Sie fragten mich vor 15 Jahren schon mal, ob ich nicht ein Signature-Modell haben wolle", erzählt Mike. „Aber damals habe ich ihre Instrumente nicht gemocht. Was sie heute machen ist großartig."

Das Amp-Setup ist seit Jahren gleich: ein Yamaha-Combo mit 2´ 12"-Bestückung, einer mit 4´ 10"-Speaker, ein Pearce-Preamp, ein Yamaha-SPX-90 für Harmonizer-Effekte. Ein Boss-Chorus, ein Boss-Verzerrer und ein „billiges kleines Delay" liegen vor ihm auf dem Bühnenboden. „Ich denke nicht ständig darüber nach, wie die Effekte geschaltet werden – so wie diese L.A.-Guys. Hahaha!"

 

Discografie

Mike Stern Solo

  • Upside Downside (1986)
  • Time In Place (1988)
  • Jigsaw (1989)
  • Odds Or Evens (1991)
  • Standards And Other Songs (1993)
  • Is What It Is (1994)
  • Between The Lines (1996)
  • Give And Take (1997)

Mike Stern & ...

Blood, Sweat & Tears

  • In Concert (1976)
  • More Than Ever (1976)
  • Brand New Day (1978)

Miles Davis

  • The Man with The Horn (1981)
  • We Want Miles (1981)
  • Star People (1983)
  • Tiger Okoshi – Tiger's Baku (1981)
  • Billy Cobham – Stratus (1981)
  • Michael Mantler – Something There (1982)
  • Steve Smith – Vital Information (1983)
  • Steve Smith – Global Beat (1986)
  • Roland Vazquez – The Tides of Time (1987)
  • Michael Brecker – Don’t Try This At Home (1988)
  • Eddie Palmieri – Sueno (1989)
  • Andrea Marcelli – Silent Will (1990)
  • Dieter Ilg – Summerhill (1991)
  • Pete Levin- Party In The Basement (1991)
  • Motohoko Hino – Sailing Stone (1992)
  • Brecker Brothers – Return of the B. Bros. (1992)
  • Dave Larue – Hub City Kid (1992)
  • Jeff Richman – Fingerpaints (1992)
  • Bunny Brunel – Dedication (1992)
  • Tiger Okoshi – Echoes Of A Note (1993)
  • Brecker Brothers – Brecker Brothers Live (1994)
  • Carola Grey – Age Of Illusions (1994)
  • Tiger Okoshi – Two Sides To Every Story (1994)
  • Jazzsick – Jazzsick (1995)
  • Jim Hall – Dialogues (1995)
  • Arturo Sandoval – Swingin' (1996)
  • Jens Johansson – Fission (1997)
  • Pat Martino – All Sides Now (1997)
  • Alex Riel – Unriel (1997)

Story: Lothar Trampert
Fotos: Hyou Vielz, L.J. Eifel

 

Das ungekürzte Interview & noch viel mehr kann man in Gitarre & Bass nachlesen. Die G&B-Ausgabe 01/98 ist ab Freitag 12. Dezember 1997 im Handel.

 

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