Marc Johnson  

 

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Bass 4 Guitars

Was hat dieser Bassist, daß alle Gitarristen mit ihm spielen wollen? Einen Proberaum? Eine schöne Schwester? Immer Bier im Kühlschrank? Oder haben Frisell, Metheny, Scofield, Muthspiel, Abercrombie, Monder, Towner, Thielemans, Martino und DiMeola ganz andere Gründe...?

1986 erschien beim Münchener Label ECM ein Jazz-Album, an dem kein Gitarrist vorbeikam: Marc Johnson hieß der Kontrabassist & Leader des Projekts, ,Bass Desires‘ das Album mit der beeindruckenden Besetzung. Neben Drummer Peter Erskine waren da nämlich zwei ganz unterschiedliche Gitarristen zu hören: Der bluesig-lineare John Scofield und der intellektuelle Flächenleger Bill Frisell. Das Album ist bis heute mehr als hörenswert, ebenso der Nachfolger ,Second Sight‘.

Marc Johnson hat danach noch mit einigen weiteren Unternehmungen für Aufsehen gesorgt, selten erreichte er jedoch Schärfe und Überraschungspotential dieser frühen Besetzung.

Versehen mit einer gründlichen Musikausbildung (Piano, Cello, Kontrabaß) und diversen klassischen Orchester-Jobs kam Marc Johnson Mitte der 70er Jahre zum Jazz. Nach einigen „obskuren Aufnahmen" mit Woody Herman (1977), hatte Johnson seinen ersten guten Jobs bei dem legendären Pianisten Bill Evans, einem stillen Revolutionär des Piano-Trios: Hier wurden interpretatorische Grenzen voll ausgereizt und Gleichberechtigung praktiziert: Schon Johnsons Vorgänger Scott LaFaro emanzipierte bei Evans den Bass vom Fundamentalismus zur wichtigen musikalischen Stimme, die sich auch immer wieder zu Wort meldete.

Marc Johnson hat einerseits sicherlich eine Menge gelernt – er war in Evans Band bis zu dessen Tod 1980; allerdings war es auch nicht einfach, den Sprung aus dem immer noch vorhandenen Schatten der Pianisten-Legende zu schaffen.

„Ich nehme die Musik sehr ernst", wird Johnson im Info zu seinem neuen Album zitiert. „Bill Evans nahm alles, was mit Musik zusammenhing, unglaublich ernst. Er war stets sehr konzentriert und auf musikalische Exzellenz bedacht. Balance, Proportionen und Klarheit waren wichtige Aspekte seiner Musik. Und ich mochte die interaktiven Möglichkeiten, die in seiner Musik steckten. Vor allem in seinen Trios."

Diese Besetzung, womöglich noch mit einem Piano im Zentrum, kam für Marc Johnson nicht in Frage – auch nicht als Modell. Er stellte daher bei ,Bass Desires die Gitarre auch nicht in den Mittelpunkt, sondern in Kontrast zur Rhythm-Section, und zwar in einen Kontrast, der wiederum Eigendynamik besitzt – das funktionierte bei so unterschiedlichen Denkern wie Scofield und Frisell ganz wunderbar.

„Manfred Eicher (von ECM; d. Verf.) nannte mich einst den Charlie Haden der Gitarren-Bassisten", erzählt Johnson weiter. „Als Bassist, der über gewisse Fähigkeiten auf seinem Instrument verfügt und sich nun über die solistischen Möglichkeiten Gedanken macht, könnte man mich sicher mit einem frustrierten Gitarristen vergleichen. Worum es mir eigentlich ging, war, mich endgültig von meiner Bill-Evans-Connection abzunabeln. Ich wollte einfach nicht nach einem Pianisten suchen müssen, der wie Bill klingt. Als ich in den Mittachtzigern beschloß, eine eigene Band zu gründen, war gerade Miles Davis zurück auf der Szene, und der hatte zwei Gitarristen. Auch Gary Burton hatte ein Album mit zwei Gitarristen, Pat Metheny und Mick Goodrick. Ich wußte, wann immer ich ein eigenes Projekt haben würde, wäre dies mit zwei Gitarristen besetzt."

Für sein gerade erschienenes Album ,The Sound Of Summer Running‘ verpflichtete Johnson, neben Drummer Joey Baron, nun ein weiteres ungleiches Gitarristen-Paar: Wieder ist Bill Frisell mit dabei, diesmal dezenter kontrastiert von Pat Metheny. Dezenter deshalb, weil Metheny immer näher an der harmonischen Basis denkt und interpretiert, die Frisell unterlegt, als z. B. Scofield vor 12 Jahren bei Bass Desires. Pat Metheny ist darüber hinaus nicht so konsequent linear ausgerichtet wie Sco, was hier zusätzliche Reibungspunkte vermeidet. Die waren andererseits bei der Begegnung von Metheny & Scofield (,I Can See Your House From Here‘, 1994) reichlich vorhanden, wobei allerdings diese Musik – mit dabei war auch Bassist Steve Swallow – sich in ihrer Linearität gelegentlich auch mal verlor. Auf ,The Sound Of Summer Running‘ wird jedenfalls munter drauflos geswingt, ohne Ecken und Kanten – wenn man die Toleranz aufbringt, Country-Zutaten nicht als Belästigung zu empfinden.

Hören wir mal, was Leader Marc Johnson zur beschwingten Light-Version von ,Bass Desires‘, zur naiv belebten Variante von Frisells Pseudo-Country-Album ,Nashville‘ und zur abgespeckten Version von Methenys halbmonumentalen Schönklang-Produktionen zu sagen hat.

Hier Auszüge aus einem Interview mit einem zurückhaltenden Menschen, der anscheinend auch lieber zurückhaltend Musik macht, als sich bei Interviews zurückzuhalten. „Between loud and soft, I prefer soft." Vorsichtig bis reserviert wirkte er zu Anfang des Gesprächs, erst allmählich taute er auf. Marc Johnson braucht eigentlich einen Pressesprecher... Trotzdem blättert er dezent interessiert in der Januar-Ausgabe von Gitarre & Bass.

 

Johnson: ,Mountain In The Clouds‘ von Miroslav Vitous war ein ganz wichtiges Album für mich – damals war ich noch im College. Vor dem Fusion hatte der Jazz-Rock noch wirklich improvisatorischen Charakter. Aber mehr als solche Musik interessierte mich das Bill Evans Trio, diese kammermusikalische Qualität der Jazz-Improvisation.

G&B: Mit ,Bass Desires‘ kam ich zum ersten Mal mit deiner Musik in Berührung. Jetzt hast du wieder zwei Gitarristen in der Band. In Zusammenhang mit deiner Vergangenheit habe ich da eine Theorie: Hast du jemals daran gedacht, daß die beiden rein funktional die rechte und die linke Hand eines Pianisten abdecken sollen?

Johnson: Ich wollte einfach eine kräftigere Struktur erzeugen, als in einem Trio mit einer Gitarre, wollte aber auch kein Piano dabeihaben. Mit Gitarren kann man so viele verschiedene musikalische Ausdrucksformen verbinden – von Pop und Rock über Folk und Country bis zum Jazz. Und genau das war mein Ziel, meine Hoffnung.

Als ich Mitte der 80er mit dieser ,Bass Desires-Sache anfing wollte ich das auch schon: andere Sounds, andere... (überlegt) Und was sprach dagegen, an meine Erfahrungen mit Bill (Evans) wieder anzuknüpfen? Ich habe ihn sehr vermißt ...

Story: Lothar Trampert

 

Das komplette Interview mit Marc Johnson und noch viel mehr kann man in Gitarre & Bass 04/98 nachlesen. Ab Freitag den 13. März im Handel!

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