![]() Joe Satriani 1998: Crystal Planet? Und was sagt uns diese Headline? Joe Satriani, der bekannte wie beliebte Instrumental-Virtuose hat auch 1998 ein neues Album veröffentlicht: ,Crystal Planet: Schon wieder Satriani...? Richtig: Schon wieder Satriani! ,Crystal Planet transportiert wie gewohnt Satrianis bekannte High-End-Gitarrenarbeit, das in eingängigen und teilweise anspruchsvollen Kompositionen, in denen Joe eine kleine Weltreise durch die Stile der westlichen Pop-Welt unternimmt Rock, Blues, Folk, Fusion und dabei hier und da auch Einflüsse anderer Ethnien verarbeitet. Mit dabei waren die bewährten Begleiter Stu Hamm (b) und Jeff Campitelli (dr), produziert hat Mike Fraser, der zuletzt im Rahmen des G3-Albums mit Joe zu tun hatte. Und: hinter all dem steht natürlich auch noch ein Konzept... es gab also eine Menge zu erzählen. G&B: Joe, das Trio mit Jeff Campitelli und Stu Hamm hat sich etabliert in deiner Biografie... Joe: Ja, und wir werden immer tighter im Zusammenspiel. Es gibt sicherlich verschiedene Möglichkeiten, wie man gut zusammenspielen kann; bei meinem neuen Album ist jedoch dieses Trio, live im Studio, das Herz der Musik. Und es macht immer mehr Spaß, denn wir haben die gleiche Vision von dem, was wir tun wollen. G&B: Alle Basics wurden also live eingespielt? Joe: Ja. Wir können uns darauf konzentrieren, denn alles stimmte: Wir hatten einen großartigen Raum in dem wir spielten, sehr gute Bandmaschinen und die Möglichkeiten des Hard-Disc-Recording und so konnten wir jeden Song exakt so aufnehmen wie wir wollten; und wir hatten die Möglichkeit, die Sachen nachher am Computer zu bearbeiten. Das brachte sehr viel Kreativität in die Sessions, und die hast du nicht unbedingt, wenn du eine Nummer 60mal wiederholst, bis das Arrangement richtig rüberkommt. G&B: Wie lange dauerten die Arbeiten am Album insgesamt? Joe: Sechs Wochen haben wir aufgenommen, dann waren wir mit dem G3-Projekt auf Tour in Europa, anschließend, im Sommer, haben wir gemixt, gingen dann wieder auf Tour in den USA und Canada, und danach wurde gemastered. G&B: Diesmal liegt dem Album ein Konzept zu Grunde... Joe: Einige Konzepte sogar. Es ist eine fette, rockende Platte, und ich wollte keine düstere Filmmusik darauf haben. Die Musik sollte außerdem auch mal im Trio funktionieren und keine große Live-Besetzung erzwingen. Andererseits ist die Produktion so angelegt, daß man schon eine Menge verschiedener Stimmen hört. Die Gitarren sollten viele elektronische Sounds und Effekte haben, das unterscheidet dieses vom vorherigen Album. Es sollte auch nicht durchgehend nach einem bestimmten Raum klingen, ich wollte vielmehr die räumliche und musikalische Situation kreieren, die der jeweilige Song gerade erforderte und jeder Song klingt anders. Außerdem gehen die Songs der Reihe nach durch verwandte oder aufsteigende Tonarten: ,Up In The Sky beginnt mit E, ,House Full Of Bullets ist in F#, die nächsten beiden stehen wieder in E, dann kommt ein Song in A, und so weiter... G&B: In diesem tonalen Umfeld kann man eine Menge mit offenen Akkorden machen. Joe: Stimmt. Aber ich habe diese harmonische Verwandtschaft dazu genutzt, um das Gefühl zu erzeugen, innerhalb eines Systems, also einer Tonart, von einer Stufe zur nächsten zu gehen, also immer wieder eine Stufe aufzusteigen. Das allerdings nicht innerhalb einer Komposition, sondern von einem Song zum nächsten, durch das ganze Album gehend. G&B: Sind einige dieser Songs auf einer akustischen Gitarre entstanden? Joe: Der einzige Song, bei dem eine akustische Gitarre eine Rolle spielte, ist ,Love Thing obwohl das Stück eigentlich auch auf einer E-Gitarre entstanden ist. Ich bekam die Harmonien mit Standardstimmung einfach nicht so hin, wie ich das wollte, daher versuchte ich es dann auf einer Akustischen mit einer offenen E-Stimmung das funktionierte. Dann hat Buzzy Feiten mir dabei geholfen, die Stimmung der Gitarre leicht abzuändern, etwas weg von der temperierten Stimmung. Die Dur-Terz klingt nicht so scharf wie bei einem Klavier, sondern etwas tiefer und weicher. In diesem Stück, ,Love Thing, spielen übrigens drei akustische Gitarren den Rhythmus-Part, mit vielen offenen Saiten und weit oben gegriffenen Chords. Und das ist, wie du weißt, nicht so einfach, wenn die Stimmung übereinstimmen soll. G&B: In ,Tundrumbalind startest du mit einer sehr an Hendrix und ,3rd Stone From The Sun erinnernden Atmosphäre, gegen Ende mutiert das Stück dann zu einer Mahavishnu-Nummer, ganz im Stil von ,Apocalypse, diesem orchestralen Jazz-Rock-Album aus den frühen 70ern. Joe: Es ist schon lange her, daß ich die Platte gehört habe; aber ich habe diese Sachen mal live erlebt, daran erinnere ich mich. Ja, es klingt wild, und es hat Spaß gemacht, das aufzunehmen. Ich mag diesen Raum, den der Song hat... Klar, das Ende ist sehr Mahavishnu. G&B: Und diese Hendrix-Stimmung am Anfang? Joe: Das klingt vielleicht nach Hendrix, weil ich mit dem Deja-Vibe spielte, das ist der Univibe-Effekt, den er vor langer Zeit populär machte. G&B: Hast du nicht mal wieder Lust in einem Rock-n-Roll-Kontext zu spielen, in einer Band mit Sänger? Joe: Wenn mir was angeboten wird, das nach Spaß aussieht und mehr Spaß bringen kann, als das, was ich jetzt mache warum nicht? Aber ich habe im Moment schon eine ganze Menge Spaß. G&B: Also gar keine Lust auf eine Joe-Satriani-Band mit Sänger? Joe: Mmmh, ich denke seit 1993 darüber nach, hatte aber durchgehend sehr viel zu tun. Es ist mir einfach klar geworden, daß ich keine Zeit habe, eine weitere Band aufzubauen und eine Platte zu machen. Ich habe schon so viel zuviel zu tun, und ich würde das nicht aufgeben. G&B: Welche Platten kannst du generell jungen Gitarristen empfehlen? Joe: Jede Jimi-Hendrix-Platte, bzw. seine ersten vier, die autorisierten: ,Are You Experienced, ,Axis: Bold As Love, ,Electric Ladyland und ,Band Of Gypsys haben einfach das Gitarrenspiel für dieses Jahrhundert definiert. G&B: Du hattest in deiner Anfangszeit mal Unterricht bei dem Gitarristen Billy Bauer und dem Pianisten und Theoretiker Lenny Tristano beide waren wichtige Musiker für die Entwicklung zum freien Jazz hin. Hat diese Ausbildung heute noch Auswirkungen auf dein Spiel? Joe: Was Lenny Tristano angeht, auf jeden Fall Billy Bauer weniger. Von ihm lernte ich einige Fingerübungen zu Dur- und Moll-Tonleitern, das lief über zwei Wochen oder so. Lenny Tristano hatte dagegen mehr konzeptionellen Einfluß auf mich. Einer seiner Grundsätze war immer: Spiele nur das, was du spielen willst!" Ich habe darüber nachgedacht, und es ist wirklich eine schwierige Aufgabe, eine Herausforderung. Spiele niemals was anderes als das, was du spielen willst! Spiele alles, was du spielen kannst, in allen möglichen Tonarten!" Lenny glaubte auch daran, daß man persönliche Eigenarten und stilistische Vorgaben zuerst mal aus seinem Spiel verbannen sollte. Er wollte wirkliche Improvisation und lehnte alles ab, das irgendwie automatisch oder vorhersehbar gespielt wurde. Wenn er zweimal das gleiche Vibrato, die gleiche Phrasierung hörte, war er nicht zufrieden: Du bist wie ein trainierter Affe. Du improvisierst nicht wirklich!" Sein musikalischer Stil erforderte eine enorme Disziplin in der Konsequenz. (grinst) Und er wäre das Ende des Rock n Roll. G&B: Aber er war der Anfang der Freiheit im Jazz. Joe: Seine Lektionen waren so umfassend angelegt, da hast du ein Leben lang Material um damit zu arbeiten, um darüber nachzudenken. G&B: Solche allgemeinen, einfachen Überlegungen sind eben die wirklich wichtigen Basics. Joe: Das sind sie. Du kannst Skalen und Fingersätze lernen, und das ist gut, weil jeder auf der Welt sie spielt und versteht das sind Werkzeuge. Die Dinge, die dir helfen, Fragen zu beantworten Warum mache ich das, was ich hier mache? Was würde ich gerne als nächstes tun? kannst du alle auf die Maxime zurückführen: Spiele nur das, was du spielen willst! Das mußt du dich jeden Morgen fragen, wenn du aufstehst. (grinst) Das ist Jazz-Zen! Oder nicht? Darum geht es doch, wenn man ein guter Musiker sein will! G&B: Darum geht es auch, wenn man ein guter Mensch sein will. Joe: Yes. G&B: Vielen Dank!
Facts! Folgende Verstärker waren im Einsatz: Marshall-6100-Amps, vintage Marshall-Amps von 1969 (50- & 100-Watt-Tops), Peavey-5150-Tops, der berühmte kleine Wells-Combo und ein kanadischer Wizzard-Amp. Zu den Effekten: Von Fulltone benutzte Joe u. a. das Deja-Vibe und den Ultimate-Octaver; außerdem ein Dunlop-WahWah-Pedal, ein DigiTech-Whammy-Pedale sowie eine DigiTech-Ultra-Harmony-Machine...
Story: Lothar Trampert
Das alles & und noch viel mehr kann man in Gitarre & Bass 04/98 nachlesen. Ab Freitag den 13. März im Handel! |