Music Man

Music Man

Zu Besuch bei Ernie Ball/Music Man

Die Geschichte von E-Gitarre und E-Bass wurde von einigen wenigen Persönlichkeiten geprägt: Leo Fender und Ted McCarty (Gibson) sind wohl diejenigen, die die wichtigsten Meilensteine gesetzt haben. Ein weiterer kreativer Individualist ist Ernie Ball, der seit Ende der 50er Jahre die Gitarrenindustrie mit immer wieder neuen Ideen erfrischt hat und auch heute noch, zusammen mit seinem Sohn Sterling Ball, aktiv in der Musikbranche tätig ist.

Die Firma Ernie Ball produziert heute Saiten unter dem Firmennamen „Ernie Ball", Zubehör wie Straps, Picks und Volumen-Pedale sowie die Music-Man-Instrumente. Ernie Ball hatte 1984 diese Firma gekauft, die 1972 von den alten Fender-Weggefährten Forrest White und Tom Walker gegründet worden war. Leo Fender, der bekanntlich 1965 seine Firma an den CBS-Konzern verkauft hatte und seine Beratertätigkeit für Fender 1970 beendet hatte, entwickelte und fertigte die Instrumente für Music Man. Interessanterweise war auch schon zur „Leo-Fender"-Zeit Sterling Ball an der Entwicklung des wohl erfolgreichsten Music-Man-Instrumentes, dem StingRay-Bass, beteiligt.

Anfang Februar 1998 besuchte ich Ernie Ball/Music Man in San Luis Obispo, Kalifornien, wo die Firma seit 1979 ihren Sitz hat. Hinter der ursprünglichen Fabrikationshalle ist im vergangenen Jahr eine komplett neue Gitarren-Fabrik errichtet worden, die am Tag meines Besuches zum ersten Mal vollständig in Betrieb war und offiziell eröffnet wurde.

San Luis Obispo ist eine kleine, malerisch gelegene Stadt mit ca. 70.000 Einwohnern auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Francisco, 10 Meilen von der Pazifik-Küste entfernt.

Bei Ernie Ball/Music Man sind insgesamt 225 Leute beschäftigt, etwa ein Drittel davon sind für die Produktion von Music Man zuständig. 40 bis 50 Instrumente werden pro Tag gefertigt, ca. 800 im Monat. Zur Zeit wird teilweise noch in zwei Schichten gearbeitet, man hofft jedoch, daß sich dies durch die neue Produktionsstätte in naher Zukunft abstellen läßt. Gleichzeitig sollen auch die extrem langen Lieferfristen, die schon seit Jahren bei Music Man üblich sind, etwas verkürzt werden.

Philosophie
Als Ernie Ball 1984 die Designs und die Trademarks von Music Man übernahm, wurde das Programm, das bis dahin aus Verstärkern, Gitarren und Bässen bestand, komplett zusammengestrichen; zunächst einmal wurde ausschließlich der Music-Man-Bass StingRay gefertigt. Kein Wunder, denn das war (und ist bis heute) das Aushängeschild. Sterling Ball sagte schon 1989: „Wir haben unseren Qualitäts-Standard hoch angesetzt. Unsere Philosophie war von Anfang an, erst wenn wir ein Modell wirklich in konstanter Qualität fertigen können, dann fangen wir ein zweites an."

So verwundert es nicht, daß das Programm auch heute noch äußerst überschaubar und doch von individuellen Designs geprägt ist. Auch heute noch gilt der Maßstab, mit modernster Technik Instrumente in „Vintage"-Qualität mit klassischen Sounds zu bauen.

Sterling Ball ist selbst ein ausgezeichneter Bassist und, neben seinem Job bei Music Man, immer wieder als Musiker aktiv. Seine Band, die Biff Balls, oftmals verstärkt durch prominente Musiker wie Albert Lee, mit dem Sterling auch einige Alben einspielte, oder Steve Morse, Steve Lukather u. v. m., touren in unregelmäßigen Abständen durch die Welt und sind auf Musikmessen immer wieder allgegenwärtig. Extrem wichtig ist Sterling die Zusammenarbeit mit Musikern und Händlern. So wurde im vergangenen Jahr der Music-Man-Truck angeschafft, der das ganze Jahr über durch die USA fährt und Music-Man-Instrumente und Ernie-Ball-Produkte präsentiert.

Music-Man-Bässe
Der StingRay ist ein Klassiker, der seit 1976 nahezu unverändert gefertigt wird. Trademarks sind die Kopfplatte mit der „3 + 1"-Mechanik-Anordnung und der typische Humbucking-Pickup, der zusammen mit der aktiven Elektronik für den besonderen Ton verantwortlich ist.

Seit 1987 wird die 5-String-Variante, der StingRay 5 gebaut. Anfang der 90er wurde mit dem Sterling eine kleinere und leichtere Variante des StingRay entwickelt, die zudem durch Schaltungstricks wie eine Phantom-Spule, einen speziellen Preamp und einen dünneren Hals auffällt. Seit 1992 ist die Silhoutte 6-string Bass Guitar im Programm, in der typischen Gitarrenform, aber eine Oktave tiefer gestimmt.

Music-Man- Gitarren
1986 wurde die Silhouette entwickelt, die bis heute ebenfalls unverändert im Programm ist. Markenzeichen ist hier die Kopfplatte mit der „4 + 2"-Mechanik-Anordnung.

Seit 1987 baut Music Man das Steve-Morse-Signature-Modell, das die Pickup-Konfigurationen des Deep-Purple-Gitarristen mit den Music-Man-Features perfekt verbindet.

Unter dem Namen „Edward Van Halen" wurde das Modell Axis von 1990 bis 1995 angeboten, bevor der Gitarrist es vorzog, zu einem anderen Hersteller zu wechseln. Features der Axis sind der kleine Lindenkorpus mit einer wunderschön gemaserten Ahorn-Decke.

Schon 1987 wurde ein Prototyp mit einem radikalen Korpusdesign entwickelt, das Albert Lee, ein guter Freund des Hauses Music Man, schon bald zu seinem Liebling erkor. Seit 1993 wird das Albert-Lee-Signature-Modell serienmäßig angeboten.

Ebenfalls 1993 kam Steve Lukather in die Familie, und „The Luke" mit Floyd-Rose-Lizenz-Vibrato und EMG-Pickups (1´ Humbucker plus 2´ SA-Singlecoils) wird seit dieser Zeit gefertigt. Seit der Zusammearbeit mit Jeff Beck hat Lukather übrigens sein Modell nochmals verändern lassen, und so wird es mittlerweile auch mit Vintage-Vibrato und etwas veränderten Pickups (Vintage-Sound) angeboten.

1995 wurde die Silhouette Special entwickelt, die mit Vintage-Vibrato, Locking Tuner und einem patentierten Silent Circuit ausgestattet ist, der den Singlecoil-Brumm reduziert, ohne den Vintage-Sound zu verändern.

Das neueste Modell ist die Axis Sport, eine Modifikation des Eddie-Van-Halen-Modells, mit auf dem Pickguard montierten Pickups, Vintage-Vibrato, 65-cm-Mensur und einem veränderten Griffbrett-Radius (Testbericht siehe G&B 4/98).

Produktion
Die neue Music-Man-Fabrik wurde auf die speziellen Anforderungen abgestimmt, und so steht viel Platz zur Verfügung, die Produktionsstrukturen und -abläufe konnten bei der Planung berücksichtigt werden; der Umweltaspekt spielt ebenfalls eine große Rolle.

Die gesamte Fabrik ist klimatisiert und die Luftumwälzung ist so gesteuert, daß im Bereich Lackieren und Polieren keine staubige Luft eindringen kann.

Die Hölzer für die Music-Man-Instrumente stammen fast ausschließlich aus den USA (Erle, Pappel, Esche) und Kanada (Ahorn).

Das Holz wird in Rohlinge aufgeschnitten und je nach Zustand luftgetrocknet gelagert. Manche Hölzer werden schon nach drei Monaten verarbeitet, manche Hölzer – vor allem für die Hälse – lagern bis zu fünf Jahre.

Vor der Verarbeitung wird das Holz in Trockenkammern auf ca. 6 % Feuchtigkeit heruntergetrocknet. Danach wird jeder Korpus-Rohling gewogen, denn nur wenn spezielle Spezifikationen erfüllt werden, wird der Korpus verwendet.

Ein Korpus wird normalerweise aus zwei Teilen zusammengesetzt. Music Man leimt aber die beiden aus einem Stück Holz aufgesägten Teile nicht plan zusammen, sondern verwendet einen sogenannten „Finger Joint", eine Art Feder-Nut-Verbindung, die für eine größere Leimfläche und besseren Halt sorgt.

Korpus und Hals werden mit Hilfe von CNC-Fräsen in mehreren Arbeitsgängen in die richtige Form gebracht, auch werden alle Fräsungen und Bohrungen vorgenommen.

Bei Instrumenten mit Ahorn-Griffbrett wird ein einteiliger Halsrohling verwendet, das spätere Griffbrett wird abgetrennt, beschriftet und später, nachdem der Stahlstab eingesetzt ist, wieder auf den gleichen Hals aufgeleimt, so daß man durch paßgenaues Aufsetzen die Trennstelle kaum erkennen kann.

Nach den rohen Fräsarbeiten werden Hals und Korpus nochmals nachgearbeitet.

Alle Arbeitsplätze, an denen geschliffen wird, sind mit einer Absaugvorrichtung versehen, die jeglichen Staub nach unten zieht und entsorgt.

Bei den Music-Man-Hälsen werden nur die Kopfplatten lackiert, der Rest wird geölt und gewachst. Die Hälse werden in ein Ölbad getaucht, dann abgewischt, getrocknet, nochmals geschliffen, bevor dann per Hand Wachs aufgetragen wird, der dann im letzten Arbeitsgang nochmals poliert wird.

Die Instrumente werden mit Polyester lackiert. Nach der dreifachen Grundierung wird zunächst nochmals geschliffen, dann werden drei, bei farbigen Lackierungen fünf, und schließlich nochmals fünf hauchdünne Klarlackschichten aufgetragen. Die lackierten Teile werden dann 4 Tage in einem auf ca. 45 Grad beheiztem Raum getrocknet, bevor der Lack endgültig poliert wird.

In der Endmontage wird extrem viel Zeit ins Abrichten und Polieren der Bünde investiert, um nachher eine optimale Saitenlage und Bespielbarkeit zu erreichen.

Vor der Montage werden alle Bohrlöcher nochmals angesenkt, damit beim Hereindrehen der Schrauben der Lack nicht reißt.

Der letzte Arbeitsgang, das individuelle Einrichten der Instrumente wird mit größter Sorgfalt durchgeführt, jedes Instrument wird längere Zeit gespielt und gecheckt, für die Einstellung bestehen sehr enge Toleranzen. Häufig taucht Sterling Ball in der Endkontrolle auf, um sich persönlich von den Einstellungen zu überzeugen. Er wettet gerne mit seinen Mitarbeitern, ob das betreffende Instrument nun den Toleranzen genügt oder nicht.

Im alten Gebäude werden nach wie vor die Pickups für die E-Bässe gefertigt, auch alle vorgefertigten Metallteile für die Music-Man-Instrumente werden aufgearbeitet und für die Montage vorbereitet.

Die R&D-Abteilung ist mit einer aufwendigen Computeranlage ausgestattet, mit der Instrumente am Bildschirm designed werden können. Auch alle Arbeitsschritte der CNC-Fräsen werden hier vorbereitet, programmiert und können auch optisch überprüft werden.

Historie
Ernie Ball, aufgewachsen in Santa Monica, Kalifornien, begann seine Karriere als Pedal-Steel-Gitarrist, mit 19 hatte er seinen ersten professionellen Job. 1958 hatte er das Touren leid und eröffnete in Tarzana, einige Meilen entfernt von Hollywood, den ersten reinen Gitarrenshop in den USA.

Durch seine Kunden wurde er darauf aufmerksam, daß viele Gitarristen mit den dicken Saitenstärken, die damals üblich waren, nicht zurecht kamen. Als er vom Marktführer Fender keine entsprechenden Saiten geliefert bekam, ließ er sich spezielle G-Saiten (.024 anstatt der üblichen .029) anfertigen. Als kurze Zeit später das Saitenziehen in Mode kam, und Gitarristen die e-Saite durch Banjosaiten ersetzten, nahm er wiederum mit den Marktführern Kontakt auf. Aber wiederum nahm man seine Anregung nicht an, und so ließ sich Ernie Ball seinen speziellen Saitensatz .010 – .046 anfertigen. Diese „Slinky"-Saiten wurden zunächst einmal nur in seinem Shop verkauft, bevor sie durch Mundpropaganda im ganzen Land bekannt wurden und dann zuerst per Mailorder und später auch von anderen Händler bei Ernie Ball bestellt wurden.

Ernies nächste geniale Idee waren individuelle Saitensätze, die sich Kunden im Laden aus Einzelsaiten der Stärken .008 bis .024 und von .018 bis .058 (umwickelt) selbst zusammenstellen konnten.

Bis 1967 wurden diese Ideen landesweit so populär, daß Ernie sein Musikgeschäft verkaufte und in Newport Beach seine eigene Saitenproduktion gründete.

1972 wurde nach langer Entwicklungszeit der Earthwood Bass vorgestellt, ein rein akustischer Bass, der lange vor der „Unplugged"-Ära ein legendäres Instrument wurde und noch heute von Bassisten gesucht wird. Gleichzeitig wurden Earthwood-Saiten entwickelt, die durch ihre neuartige Legierung einen brillanteren, kräftigeren Klang erzeugten und die Entwicklung der modernen Bass-Sounds extrem vorantrieb.

1979 zog man mit der gesamten Produktion nach San Luis Obispo, wo noch bis Anfang 1985 Earthwood-Bässe und -Gitarren gefertigt wurden.

Ernie Ball war auch der Erste, der spezielle, bunte Plektren anbot und damit einen völlig neuen Markt eröffnete, auch sein robustes Volumen-Pedal ist bis heute unangefochten in der Szene. Und so lag es auf der Hand, daß Ernie Ball auch mit der Übernahme und Wiederbelebung von Music Man, seit 1985, an diese Erfolge anknüpfen konnte.

Music Man im Internet: http://www.ernieball.com

 

Dieter Roesberg

 

Diese Story und noch eine Menge mehr kann man in Gitarre & Bass 05/98 nachlesen. Ab Freitag, den 17. April im Handel!

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