EVE 6

Sie kommen aus einem Vorort von Los Angeles, spielen bereits seit fünf Jahren zusammen und sind trotzdem noch alle unter 20: Eve 6! Schon seit ihrer Zeit auf der La Crescenta Valley High School sind Max Collins (voc/b) und Jon Siebels ein Team – mit Plattenvertrag beim Major RCA. Zusammen mit Drummer Tony Fagenson wurde dann ein Debüt-Album produziert, das sich schon nach kurzer Zeit in den US-Album Charts plazierte.

Max Collins sitzt hinter der Bühne des Kölner Clubs MTC und wartet. Auf verspätete Interview-Partner, auf den Soundcheck, auf die Show. Ganz im Gegensatz zu seiner extrovertierten, trotzigen Bühnen-Performance wirkt er hier eher ruhig, fast schüchtern. Max blättert in einer Ausgabe dieses Magazins und grinst: „Musikerzeitschriften habe ich immer gerne gelesen, als ich mit dem Bass anfing. Damals ging ich zur Schule, ich hatte noch Zeit, und es gab eine Menge zu entdecken." Die High School haben Max und John vorletztes Jahr abgeschlossen, und das ist auch gut so: „I don’t have a school brain", selbstdiagnostiziert Collins.

Eigentlich ist Max New Yorker. Mit seiner Familie zog er erst nach Miami, Florida, dann rüber an die sonnige Westküste der USA. Seine ersten musikalischen Schritte machte er dort, mit 13. Zuerst lernte er Bass spielen, ein Jahr später schrieb er eigene Stücke und begann zu singen.

Inzwischen ist aus Max Collins ein beeindruckender Performer geworden und ein guter Rock-Bassist. Notenlesen und -schreiben kann er allerdings immer noch nicht. Muß ja auch nicht sein; Max geht es um Songs, um Bilder – und welcher Maler dokumentiert schon sein Werk als Beschreibung, oder als chemische Analyse der verwendeten Farben und Leinwände? Und außerdem: „Bei 80 % der Popmusik geht es um Songwriting und nicht um irgendwelche virtuosen Shredding-Geschichten", meint Max. „Das haben auch viele Musikermagazine lange ignoriert." Dieses nicht. „Für mich macht es keinen Sinn mehr, Musik oder Bass-Spiel als Sport zu betreiben", meint der 19jährige. „Das kann jeder machen wie er möchte. Mich berührt das einfach nicht."

Bei Eve 6 geht es, wie selbst bei einer guten Steve-Vai-Komposition oder einer Santana-Instrumentalnummer, immer um den Song, um eine Melodie, um einen Spannungsbogen, also nicht um masturbatorische Selbstdarstellung. Max ist mit der Musik kalifornischer Punk-Bands groß geworden; Social Distortion hat er gehört, The Pixies, Jarbreaker, Built To Spill, The Muffs, Elliot Smith aber auch Songwriter wie Elvis Costello oder Tom Petty. „Am Anfang hatten wir viel Spaß, aber nicht unbedingt viel drauf", meint Max grinsend. „Das war Punk. Aber dann haben sich die Interessen und Einflüsse eben etwas ausgeweitet."

Bevor ihr Album-Debüt ,Eve 6‘ (1998) erschien, hatte die Band schon ein paar Singles und eine EP in Eigenregie herausgebracht. „Das war damals ein großer Schritt für mich, als ich die ersten eigenen Songs fertig produziert hören konnte. Seitdem habe ich einen Maßstab für meine Arbeit, ich kann mich selbst sehr kritisch einschätzen. Aber ich weiß seit dieser Zeit auch, was ich sagen will und wie ich das umsetze."

Seine Texte möchte Max in diesem Zusammenhang aber nicht überschätzt wissen; er kann gut damit leben, wenn sich die Zuhörer auf Live-Spaß mit einer Hookline beschränken. „Das mache ich oft genau so. Ich schnappe mir irgendwelche Sätze oder Worte ohne genau den Zusammenhang zu verstehen – die Atmosphäre muß stimmen, eine spezielle Stimmung dasein."

Idole oder echte Vorbilder hatte Max keine, zumindest nicht unter den Bassisten. „Da gefielen mir immer nur die unauffälligen, die gut zu Songs spielen konnten; z. B. der Bassist von Tom Petty."

Und wie kommt der Bassist & Sänger zu einem Song? „Ich gehe von meinen Lyrics oder einer Melodie und einer groben Akkordstruktur aus. Dann arbeite ich das Ganze mit den Jungs aus, wir kreieren B-Teile, bauen die Harmonien aus, usw. Oder es hat mal jemand anders ein paar Akkorde dabei..." Eine ganz normale Band eben.

Eve 6 haben schon zusammen mit den Foo Fighters, Green Day, Semisonic, God Lives Underwater, Rocket From the Crypt und vielen anderen bekannten Bands gespielt – und auf ein paar Shows mit den genialen Dandy Warhols oder Everclear hätten sie große Lust. Das wird noch kommen. Und eigentlich läuft das Live-Geschäft für Eve 6 ganz ordentlich an – außer daheim in L.A. Zu den Auftrittsmöglichkeiten für Bands im Großraum von L.A. hat Max nur einen kurzen Kommentar parat: „It sucks." Aha. „Es gibt sehr wenige Läden für Leute verschiedener Altersgruppen, Promoter versuchen dich über den Tisch zu ziehen, Bands sollen Geld bezahlen um auftreten zu dürfen, sie sollen Tickets verkaufen, solche Dinge laufen dort. Aber wir haben da von Anfang an nie mitgemacht. Da habe ich immer lieber in einem Café vor 50 Leuten gespielt, ohne Gage, als im Whisky A GoGo in Hollywood für einen Auftritt zu bezahlen." Ansonsten kann die Band mit etwas Glück 200 Dollar für einen Gig bekommen – Max: „Wenn der Veranstalter cool ist. Und wir versuchen auch immer so viele Freunde und Bekannte wie möglich zu motivieren, zu unseren Gigs zu kommen." Auch das gehört heute zum Fulltime-Job „Musiker".

„Es ist wirklich ein Fulltime-Job. Wir haben zwar Spaß, wenn wir auf Tour sind, aber du hast wirklich nie eine Pause, mal ein Wochenende frei oder so was. Das ist der Preis, den wir zahlen. Wenn es zu leicht laufen würde, dann wäre es wahrscheinlich auch nicht gut."

Aufgenommen wurden die Songs des aktuellen Albums in Los Angeles, im legendären Electric Lady Studio in New York und in Produzent Don Gilmores „Stepping Stone Studio" in Seattle.

„Bei den Aufnahmen mußt du den fehlenden Live-Faktor einer Rock-Band irgendwie wettmachen. Du hast da nun mal keine laute Bühne, diese ganze geballte Energie, die lauten Boxen vor deiner Nase, das fehlt alles. Wir versuchen immer den Sound so hinzubekommen, daß er trotzdem drückt, daß die Musik auf eine andere Art abrockt. Dabei habe ich auch keine Probleme mit ein paar Overdubs. Natürlich müssen die Songs eines Albums immer auch live, im Trio, funktionieren. Es darf nichts fehlen, wenn du auf der Bühne stehst."

Im Studio haben Eve 6 erst live eingespielt, davon wurden aber nur die Drums verwendet. Der Bass wurde komplett neu gespielt, u. a. mit einem Sadowsky-Viersaiter. Anschließend kamen die Gitarrenspuren und der Gesang.

Für den fetten Bühnen-Sound sorgt vor allem Gitarrist Jon Siebels. Der Eve-6-Sound ist abwechslungsreicher geworden; Jon bringt immer wieder Effekte und Farben ins Spiel, die aus dem ehemaligen Punk-Trio eine gitarrenlastige Rock-Band mit Pop-Potential machen. Sein Live-Setup hat sich gegenüber der letzten Tour inzwischen vergrößert. Er spielt Mesa/Boogie-, Marshall- und Vox-Equipment, einige Bodeneffekte und eine Guild-Bluesbird-E-Gitarre.

Max spielt live einen Fender Jazz Bass (mit Plektrum!) über Eden-Verstärker. Ein Endorsement-Deal mit Gallien-Krueger, deren Verstärker er eigentlich sehr mag, scheiterte am fehlenden Service des Herstellers während der letzten US-Tour. Das kann auch einer Charts-Band passieren. Max schüttelt frustriert den Kopf: „Auch das gehört zum Geschäft. Wenn man Verpflichtungen oder vertragliche Bindung zu jemanden eingeht, dann muß das funktionieren. Ich kann nicht für einen Hersteller werben, der mich dann hängen läßt."

Zufriedener ist er mit seiner Plattenfirma, die der Band über einen soliden Vorschuß auf erwartete Album-Tantiemen ein Leben ohne Nebenjobs ermöglicht – für so etwas wäre allerdings momentan auch keine Zeit. Denn das Jahr 1999 ist für Eve 6 schon komplett ausgebucht. Zur Zeit läuft die dreimonatige US-Club-Tour, anschließend sollen noch einige Shows in größeren Hallen folgen. Voraussichtlich im Mai kommt die Band dann zum dritten Mal in einem halben Jahr nach Europa, eventuell werden sie auch auf einigen Festivals auftreten. „Wir wollen uns auf jeden Fall auch in Europa etablieren, und das muß eben solide vorbereitet werden", meint Max Collins. Und es könnte funktionieren, denn schließlich promoten Eve 6 bei ihren Weltreisen ein fantastisches Debüt-Album, dessen Nachfolger frühesten Anfang 2000 erscheinen soll. Weitere Informationen? http://www.bugjuice.com/eve6

Letzte Frage an den Bassisten: Wie hält er sich fit, während einer so anstrengenden Zeit? Max Collins überlegt. „Weiß ich nicht. Auf Tour bekommt man einen sehr verzerrten Eindruck von der Realität, das ist ein sehr surrealer, verrückter Lifestyle. Andererseits kann ich mich immer zurücklehnen und mir sagen, wie glücklich ich bin, mit dem was ich bin." Hält da so etwas wie Selbstdisziplin diese beiden Welten auseinander? „Klar, Disziplin ist sehr wichtig. Auf Tour triffst du auf sehr viel Disziplin – und auch auf ganz, ganz viel fehlende Disziplin und richtiges Chaos. Aber genau das kann auch sehr viel Spaß machen."

Story: Lothar Trampert
Fotos: R.C.A., L.J. Eifel

 

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