Workshop  

Scott Henderson: Thick Guitar I

Gitarrist Scott Henderson und Bassist Gary Willis, vor allem bekannt durch ihre Band „Tribal Tech" haben wir bereits ausführlich in G&B 06/98 vorgestellt. Gerade ist mit ,Thick‘ (efa/esc) eine neue CD der Formation erschienen. In unserer dreiteiligen Workshop-Reihe wird Henderson über verschiedene Aspekte des Gitarrespielens reden. In der ersten Folge geht es um gute Platten, hartes Tour-Leben, Timing & Technik und Scotts Sound-Philosophie.

Music
Es gibt so viele tolle Soli; ich kann schlecht ein bestimmtes hervorheben. Das Solo auf ,Heartbreaker‘ von Jimmy Page habe ich immer gemocht. Es gibt einige gute Soli auf den Deep-Purple-Alben ,In Rock‘, ,Machine Head‘ und ,Fireball‘. Auf ,Wired‘ von Jeff Beck findet man auch einige großartige Soli. Ich favorisiere eher bestimmte Alben, als spezielle Soli, wie z. B. die Platte ,Still Warm‘ von Scofield. Und natürlich ‚Band Of Gypsys‘ von Hendrix: Das ist die Bibel. Das Album ist es einfach! Nicht so sehr wegen der Technik, sondern wegen der Haltung und dem Phrasing. In dieser Hinsicht ist auch ,Blow By Blow‘ von Jeff Beck eine gute Platten. In Sachen Fusion gefällt mir ,Birds Of Fire‘ von McLaughlin. Dann gibt es noch unzählige Jazz-Platten von John Coltrane, Charlie Parker und Joe Henderson. Er ist ein Saxophonist und großer Favorit von mir. Mein Lieblingssaxophonist ist allerdings Wayne Shorter. Ich habe einige seiner Stücke transkribiert. Der Mundharmonikaspieler Toots Thielemans ist ebenfalls ein toller Musiker. Ich höre auch klassische Musik wie Ravel und Debussy.

An aktuellen Sachen gefällt mir Mike Landau und seine Band The Raging Honkies wirklich gut. Dann gibt es da eine Band mit dem Namen Screaming Headless Torsos; sie spielen eine Art Punk-Jazz. Dann hat noch der Gitarrist Kirk Rosenwinkel eine coole Band in New York. Auch Wayne Krantz hat ein gutes Trio. Kürzlich habe ich ,Vulgar Display Of Power‘ von Pantera gehört. Ich mag diese Platte.

Sound
Es gibt eine ganze Masse an Effekten und du brauchst dafür Geld. In L.A. ist das vielleicht ein bißchen einfacher, denn wir haben dort Guitar-Center, wo du etwas auf Kreditkarte kaufen und am nächsten Tag zurückbringen kannst, wenn es dir nicht gefällt.

Der Effekt kommt zuerst, d. h., da mein Spiel tonorientiert ist, lassen mich verschiedene Sounds in verschiedenen Arten spielen. Ich habe in meinem aktuellen Setup sechs verschiedene Gain-Level. Sie sind alle ein bißchen anders und reagieren auf den Anschlag. Mein wichtigstes Pedal ist ein Freddy Fuzz von Bob Bradshaw. Dann benutze ich einen alten Ibanez Tube Screamer, der „stevie-ray-ish" klingt. Ich benutze auch ein Voodoo 1 von Roger Mayer. Gewöhnlicherweise habe ich das Voodoo 1 hinter dem Tube Screamer, um dem Sound die Bässe wiederzugeben, die der Tube Screamer weggenommen hat. Der Tube Screamer alleine kann sehr dünn klingen. Das Freddie Fuzz benutze ich normalerweise alleine; manchmal mische ich es mit dem Tube Screamer, wenn ich einen „nasty" Ton will. Ich muß natürlich nicht überall drauftreten; alles ist in Presets abgespeichert. Dafür benutze ich ein Bradshaw-Switching-System. Mein Amp ist übrigens ein Bob-Bradshaw-Custom-Audio-Amp. Kanal 1 klingt nach Marshall, Kanal 2 hört sich wie ein Fender an. Mit Tribal Tech spiele ich eine 4´ 12"-Box, die mit Celestion-Greenback-Vintage-Speakern, 25 Watt, bestückt sind.

Meine Sache ist es, jedes Stück anders klingen zu lassen, allerdings nicht so sehr mit Tribal Tech. Hier spiele ich mehr die Rolle eines Hornplayers, da wir eine Menge Keyboard-Sounds haben, welche die Stücke füllen. Wenn ich im Trio spiele, und ich bin das einzige Instrument in dieser Tonlage, versuche ich so vielseitig wie möglich zu spielen. Bei Tribal Tech spiele ich nur mit Humbuckern. Dadurch setze ich mich mehr gegen den Keyboard-Sound durch. Mit dem Trio spiele ich eine Stratocaster, denn die Singlecoils besitzen eine größere harmonische Spannbreite.

Tour
Ich versuche beim Auftritt nie so viel von dem zu spielen, was ich am Konzertabend vorher gespielt habe. Tagsüber fährt man durch die Gegend und man hat keine Zeit, sich mit der Gitarre zu befassen. Vor Konzertbeginn halte ich meine Hände in heißes Wasser, wenn es kalt ist, damit sie gut durchblutet sind. Wenn es kalt ist, kann ich einfach nicht spielen. Wenn ich warm bin, spiele ich einfach ein bißchen Gitarre, aber nichts Spezielles. Im Studio ist es dasselbe: Um mich wohlzufühlen, mag ich es einfach heiß – 30 Grad! Wenn es warm im Studio ist, fühle ich mich relaxt und habe keine Probleme.

Practice
Transkription ist eine wichtige Sache. Allerdings besitzen alle eine andere Vorstellung davon, was das überhaupt ist. Einige meinen, man müßte alles auf Papier festhalten, was man spielt. Andere Leute sagen, es bedeutet Licks zu lernen, und wieder andere sagen, daß du ein ganzes Solo lernen solltest. Als ich jung war, half es mir sehr viel, komplette Soli von Jimmy Page, Ritchie Blackmore und Jimi Hendrix Note für Note zu lernen. Ich hatte einen alten Taperecorder, und während die Band aus der linken Seite des Recorders erklang, spielte ich auf der rechten Seite die Lead-Gitarre. Ich habe versucht alles genau so zu spielen: Das Phrasing, den genauen Bend auf der richtigen Saite usw. Das war eine große Hilfe.

Ich habe nie spezielle Übungen gespielt. Meistens habe ich immer meine eigenen Stücke geübt, die ich dann mit meiner Band gespielt habe. Ich bin kein technischer Gitarrist. Wenn ich eine Stunde gespielt habe, bin ich aufgewärmt und die Hände machen das, was sie sollen. Als ich jünger war, mußte ich oft schwierige Stellen spielen: Das war Übung genug. Wenn ich etwas spiele, dann meine eigenen Sachen ...

 

Den kompletten Workshop von Scott Henderson & noch eine Menge mehr kann man nur in Gitarre & Bass 04/99 nachlesen – ab Freitag den 12. März im Zeitschriftenhandel, bei guten Musikhändlern oder – für Abonnenten – beim Postboten erhältlich!

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