13.08.2009

LES PAUL * 1915 + 2009


Der amerikanische Gitarren-Entwickler und Musiker Les Paul ist tot. Wie der US-Sender CNN heute berichtete, starb Paul in White Plains an einer Lungenentzündung. Er wurde 94 Jahre alt.
Vor genau vier Jahren hatten wir in G&B 09/2005 Les Paul eine große Story gewidmet, die wir an dieser Stelle noch mal veröffentlichen wollen.


PAULAS PAPA: Les Paul wird 90

Jeder Musiker kennt seine Gitarre. Doch nur die wenigsten kennen den Menschen und Musiker: Lester Polfus, alias Les Paul, hat durch die Entwicklung der Solidbody-Gitarre, durch seine Musik und seine Klangexperimente wie kein anderer den Weg der modernen Gitarrenmusik geprägt. Ob Alter, Herzinfarkt oder Arthritis: Scheinbar nichts kann den inzwischen 90jährigen humorvollen und unglaublich sympathischen Altmeister aufhalten, der in diesen Tagen ein neues Album veröffentlicht, das mit ‚Les Paul & Friends‘ kaum passender betitelt sein könnte. Wir sprachen am 29. Juni mit dem legendären Musiker & Sound-Tüftler. Hier ist das komplette Interview!

Sie spielen selbst im hohen Alter jeden Montag im New Yorker Iridium-Jazz-Club und das mit wechselnden Gästen. Die hört man auch auf Ihrer aktuelle Produktion – u. a. sind das Größen wie Neal Schon, Richie Sambora, Jeff Beck, Johnny Winter, Joe Perry, Billy Gibbons und Eric Clapton. Was ist das für ein Gefühl, wenn gestandene Gitarristen kommen und unbedingt mit ihnen jammen wollen?

Für mich ist es eine große Ehre mit diesen Musikern zu spielen. Ich denke, viele von denen sehen mich als Vaterfigur, die ihnen das Gitarrespielen beigebracht hat. Aber die Jungs haben mich alle überholt. Sie haben der Gitarre neue Ideen und Perspektiven gegeben. Das finde ich großartig.

Gibt es eine Session, die Ihnen immer in Erinnerung bleiben wird?

Erstens: Ich vergesse keine einzige Session! Und zweitens: Ich mag alle möglichen Arten von Musik, deswegen werde ich in Kürze fünf Alben veröffentlichen, mit Musikern, mit denen ich Jazz gespielt habe, Blues, Rock, Bluegrass und Country. Ich fand alle Sessions mit diesen großartigen Jungs toll.

Seit den 40er Jahren favorisieren Sie die Formation des Trios. Warum?

Schon als Jugendlicher fand ich Bass, Schlagzeug und Gitarre die ideale Besetzung. Ich mochte kleine Formationen einfach lieber, als die damaligen BigBands. Eine BigBand bedeutete mit allen anderen gemeinsam nach Noten zu spielen. Ich dagegen mochte die Unabhängigkeit und die Freiheit zur Improvisation. Das kannst du eben am besten im Trio umsetzen. Und selbst da musst du schon aufpassen, dass du den anderen beiden Jungs nicht im Weg bist.

Warum übt die elektrische Gitarre bis heute eine so ungetrübte Faszination aus? Und warum ist gerade mit ihr das Gefühl von Rebellion und Jugend verbunden?

Die Tatsache, dass eine akustische Gitarre ein so zartes, leichtes Instrument ist, das so feinfühlig und so leise ist, hat mir nicht gereicht. Die Gitarre konnte nicht bellen und schimpfen wie eine Trompete, konnte keine anderen Instrumente dominieren oder führen. Die Gitarre war ein sehr sanftes, zurückhaltendes Instrument aus der zweiten Reihe. Als sie elektrifiziert wurde, gewann sie ein ungeheures Maß an Autorität! Dazu kam die Veränderung des Sounds, die die Gitarre gewinnen ließ – wenn man sie richtig behandelte! (lacht) You can use it or abuse it! Darin liegt der Grund: Sie ist vom Begleitinstrument zu einem selbstständigen Instrument geworden. Damit begann ihr Siegeszug.

Ihr Album trägt den Untertitel ‚American Made World Played‘. Passender könnte ein Statement bezüglich ihrer Les-Paul-Gitarre kaum sein.

Klar, es ist schließlich ein Statement von Gibson. Und natürlich stehen sie dort voll hinter meinem Album. Ich freue mich, dass ich so viel Unterstützung erhalte. Ich bin wirklich aufgeregt. Ich freue mich, dass Gibson heute eine Firma ist, die wirklich zuhört. Und die keine Angst hat, neue Dinge auszuprobieren.

Das war nicht immer so. Es gibt Zitate von ihnen, in denen Sie sich beschweren, Gibson würde ihre Gitarren nicht so bauen, wie Sie es geplant hatten.

Sie bauten die ersten Gitarren viel zu groß und viel zu schwer. Ich sagte ihnen, dass sie damit über das Ziel hinausschossen. Es war reine Verschwendung an Holz und Arbeitskraft. Der nächste Punkt war, dass sie die Bridge verkehrt konstruierten. (siehe auch den Artikel von Heinz Rebellius, „Das Missverständnis“ im G&B-Sonderheft „Stromgitarren“). Dann haben sie die Verbindung von Hals und Korpus nicht richtig hinbekommen. Auch das musste korrigiert werden. Und schließlich mussten sie den Halsstab verändern, damit er im Inneren nicht schlackerte und schepperte. Meine Idee war damals die gesamte Gitarre – also Kopfplatte, Hals und Korpus – aus dem gleichen Stück Holz zu bauen. Sie haben es nicht gemacht. Als ich den Präsident von Gisbon fragte, warum nicht, sagte er: „Weil es so preiswerter ist!“ Und ich antwortete: „Ich bin nicht hier, um ein paar Dollar zu sparen. Ich bin hier, um es richtig zu machen!“

Hätten Sie sich jemals träumen lassen, dass ihre Gitarre selbst noch 60 Jahre später das Objekt der Begierde für so viele Gitarristen werden würde?

Überhaupt nicht. Ich habe damals eine Gitarre entworfen, habe sie geliebt, gespielt und nie im Traum daran gedacht, dass sie heute noch mehr geliebt und geschätzt werden würde, als damals, als wir begannen. Ich wünschte mir, dass andere meine Ideen aufgreifen und verbessern würden. Aber dass diese Gitarre 60 Jahre später so populär sein würde, hätte ich nie gedacht.

Was denken Sie, wenn die begehrten Jahrgänge der Les Paul Standard zwischen 1959 und 60 heute für astronomische Summen gehandelt werden?

Ich danke Gott – oder wer auch immer unser Gastgeber dieser gewaltigen Show sein mag, in der wir mitspielen dürfen – dass ich nicht der Verlegenheit bin, mir darüber wirklich Gedanken machen zu müssen … (Hat Les Paul etwa ein paar ‘59er im Schrank? d. Red ;-) Viel wichtiger und entscheidender ist: Du kannst mit allem Geld der Welt trotzdem nicht in den nächsten Musikladen gehen und dir Gefühl kaufen, ein gutes Gehör oder das Gefühl für Rhythmus.

Trotzdem: Was macht aus ihrer Sicht diese Jahrgänge so besonders?

(lacht) Ich weiß es nicht! Aber ich sage dir was: Ich habe eine 1951er Les Paul in meiner privaten Sammlung, die ist besser, als alle dieser so legendären Gitarren. Und ich kann dir nicht sagen, warum. Und ich habe eine L-5-Archtop, die von den damaligen, wunderbaren Gitarrenbauern genau nach meinen Vorstellungen gebaut wurde. Diese Gitarre ist wirklich wundervoll. Es gibt heute niemanden, der ein vergleichbares Instrument bauen könnte. Ich habe Djangos Reinhardts Gitarre hier bei mir zuhause. Jimmy Rosenberg (Jazz-Gitarrist im Hot-Club-Sound eines Django-Reinhardt) und viele andere Musiker haben sie ausprobiert und ihre Instrumente im Vergleich gespielt. Keine ihrer Gitarren hat nur im Entferntesten den Ton dieser L-5. Und nun sagst du mir, warum!

Ich habe keine Ahnung.

Ganz einfach: Egal, was du spielst – es wird immer ein noch besseres Instrument geben! (lacht) Es gibt eine Vielzahl an Variablen, die man dafür ansetzen kann und noch viel mehr persönliche Präferenzen. Schau, der Grund für mich, eine Solidbody-Gitarre zu bauen, lag darin, endlich diese störenden Korpusschwingungen der Archtop-Gitarren zu eliminieren. Ich wollte einfach nur, dass die Saite schwingt. Außerdem schien es mit dieser Konstruktionsart viel einfacher, Gitarren auf gleichem Niveau zu bauen. Aber je nachdem welche Hölzer verwendet wurden, wie der Halsübergang konstruiert wurde und wie stark der Halsradius war, änderte sich auch der Sound. Dazu kommt das Spiel des Musikers. Ich hatte letzte Woche einen Jungen bei mir im Konzert. Ein junger Gitarrist, gerade 13 Jahre alt. Er war für sein Alter wirklich gut. Aber seine Gitarre klang furchtbar. Ich dachte mir: Der bräuchte eigentlich meine Gitarre. Denn der Ton steckt in dem Jungen. Er kommt bloß nicht heraus.

Was halten Sie davon, dass Les-Paul-Gitarren von Tom Murphy von Hand künstlich gealtert werden, um die besondere Ästhetik nachzuempfinden?

(lacht) Das ist verrückt, oder? Ich denke, wenn die Leute verrückt sind, so viel Geld dafür auszugeben, wird das seinen Grund haben. Und Gibson freut das natürlich.

Und was denken Sie über die vielen Firmen, die die ihre Les Paul kopiert haben? Denken Sie nur an die Single-Cutaway von Paul Reed Smith, gegen die Gibson geklagt hat.

Weißt du, als ich Paul Reed Smith das erste Mal traf, habe ich ihm gesagt: Niemand gewinnt durch Kopieren! Immer, wenn ich jemanden höre, der wie Django (Reinhardt) spielt, denke ich: Da leg’ ich mir doch lieber eine Django-Platte auf! I wanna hear the real thing! Warum sollte ich mir einen Typen anhören, der eben nur fast so gut ist, wie Django? Wer will so was hören? Ich jedenfalls nicht. Wenn du von anderen Musikern mit den Augen und Ohren stiehlst und das in dein Spiel einfließen lässt, ist das legitim. Aber wenn du versuchst, so zu spielen wie er, machst du Django damit nur größer ...

Jeff Martin, Gitarrist der kanadischen Band The Tea Party, hat mal erzählt, dass Sie ihm eine Einführung zu Ihrem Les Paul Recording Model gegeben haben. Die Vielzahl der Kombinationsmöglichkeiten sind schier endlos. War Vielfalt ein Aspekt dieser Entwicklung?

Ja, genau. Als Gibson damals dieses Modell herausbringen wollte, habe ich ihnen jedoch abgeraten. Ich habe ihnen gesagt: Die Leute sind noch nicht bereit dafür! Dies ist eine tolle Gitarre. Sie spiele ich am liebsten. Alle Regler und Schaltmöglichkeiten haben ihren Sinn. Genau genommen braucht man sie nicht, aber diese Gitarre war für mich gedacht, um damit zu experimentieren und Sounds zu finden, die ich mag. Um ehrlich zu sein, reichen mir drei verschiedene Sounds. Ich brauche keine Million verschiedener Möglichkeiten. Aber die Kids da draußen wissen das ja nicht. Und fummeln jetzt an all den Reglern herum und werden ganz verrückt! (lacht)

Interessanterweise haben Sie bereits vor 50 Jahren mit Tonbandmaschinen und anderen Geräten experimentiert und ganz erstaunliche Effekte erzielt. Hat man Sie damals eigentlich verstanden, was Sie damit wollten?

Die Leute haben gestaunt und nichts verstanden! (lacht) Sie liebten meinen Ton. Aber verstanden haben sie ihn nicht. Ich habe in China gespielt, in Deutschland, überall auf dieser Welt. Ich habe dann damit aufgehört, weil ich müde war. Ich habe immer gesagt, ich würde erst wieder Platten machen, wenn ich mich wieder damit befassen will. Der Tag ist jetzt gekommen. Ich bin wieder dabei Musik zu machen, werde fünf Alben herausbringen und dabei auch den Les Paulverizer herausholen.

Was genau sind eigentlich der „Les Paulverizer“ und der „Mary Forderizer“ – können Sie uns das mal erklären?

Diese Geräte erlauben mir auf der Bühne gleichzeitig zu spielen, aufzunehmen und wiederzugeben, und wiederum parallel dazu zu spielen. Auf diese Art und Weise kann ich vor Publikum ein wahres Gitrarrenorchester erklingen lassen. Es gibt auch vorgespeicherte Gitarrenspuren. Du kannst nicht mehr unterscheiden, was aufgenommen und was live gespielt wurde. Das gleiche habe ich damals auch für Marys (seine Ex-Ehefrau Mary Ford) Stimme gemacht. Ich habe ihre Stimme gedoppelt, getrippelt, habe sieben, zehn verschiedene Stimmen arrangiert – es klang einfach großartig. Heute ist es auch technisch viel einfacher umsetzbar. Ich bin damals noch mit Koffern voller Equipment gereist. Heute kannst du den gleichen Effekt mit einem Gerät von der Größe einer Zigarettenschachtel hinbekommen.

Trotzdem mögen Sie ihren Gitarrenklang heute am liebsten pur. Neal Schon hat kürzlich im Interview erzählt (siehe G&B 06/2005): „Wenn du mit Les Paul spielst, verzichtest du am besten auf Distortion und Effekte. Das mag er nicht. Er will hören, wie du ohne Gimmicks spielst.“

Ja, das stimmt genau! Ich beginne grundsätzlich mit einem unverfälschten, puren Ton. Später, wenn sich ein Song oder eine Jam-Session entwickelt, kann man ja anfangen, ein bisschen herumzuspielen. Das vergebe ich jedem! (lacht) Aber Leute, die gleich mit einem verzerrten Ton ankommen, da muss ich sagen: Das ist nicht mein Stück Kuchen. Denn ich will den ganzen Kuchen! (lacht) Ich will den Klang der Gitarre hören, alle ihre Obertöne, so, wie es sein sollte. Den perfekten Klang der Gitarre. Ich weiß, den wird man nie erreichen. Aber man sollte es versuchen.

Sie haben mal einen bemerkenswerten Satz geprägt: „Viele Gitarristen missbrauchen die Elektrizität.“ Warum kümmern sich so wenige um einen guten Clean-Ton, bei dem man die Qualitäten eines Instrumentes erkennt wie Ansprache, Sustain und die feinen Nuancen des Tons durch die handwerkliche Baukunst?

Ich weiß es nicht. Ich habe einen Volume-Regler. Und mit dem kann ich – wie beim Radio – einen ganz anderen Sender einstellen, wenn ich will. (lacht) Dafür ist er da. Die Leute nutzen ihn bloß nicht! Ich kann Musiker nicht verstehen, die nur einen einzigen Sound verwenden, einen lauten wütenden, unangenehmen Sound, wie ich das empfinde. Aber wie gesagt: Ich will niemanden erziehen. Jeder soll das machen, was ihm gefällt. Und wenn mir Musik nicht gefällt, dann schalte ich halt den CD-Player ab, ganz einfach!

Gibt es Gitarristen, die der Idealvorstellung Ihres Tons nahe gekommen sind?

(überlegt lange) Nein. Ich weiß nicht, warum sie es nicht schaffen. George Benson war manchmal nahe dran. Es ist sehr schwierig den perfekten Ton hinzubekommen. Ich kann mir eine Gitarre nehmen und komme jederzeit problemlos nahe heran, an diesen vollen, reinen, unverfälschten, wundervollen Ton. Ich meine den Ton, der Leute zum Weinen bringen kann. Oder der sie fröhlich stimmt. Aber der wirklich perfekte Ton – den hat ist vielleicht Benny Goodmans Klarinette. Oder ein klassischer Pianist. Der perfekte Gitarrenton ist nahezu unerreichbar. Und ich weiß bis heute nicht, warum es so schwer ist. Aber ich gebe nicht auf.

Richie Sambora haben Sie eine ihrer eigenen 1959er Les Paul Standards zum Geburtstag geschenkt. Was muss man machen, um so einen Schatz von Ihnen zu bekommen?

Die Geschichte hatte mit einem Ratschlag zu tun. Er suchte eine Antwort, auf ein Problem, das er hatte. Und ich habe sie ihm gegeben. Er hat meinen Ratschlag angenommen und ist sehr zufrieden. Seitdem sind wir enge Freunde.

Um was ging es?

Das ist vertraulich. Es war ihm fürchterlich wichtig. Ich erinnere mich noch daran, wie wir an einem Pier saßen und unsere Füße ins Wasser hingen ließen. Wir haben lange diskutiert, haben sein Problem gelöst und das war’s! (lacht)

Hält Gitarrespielen fit? Immerhin haben Sie mal gesagt, die Gitarre sei der ideale Begleiter, sie sei „Psychater, Barkeeper und Hausfrau in einem“.

(lacht) Wenn du einen Job hast, sagen wir mal, du bist Geschäftsführer eines Autohauses – du kommst nach Hause, bist geschafft und dein Job hat dich mal wieder aufgefressen – dann ist es unglaublich befreiend, wenn du deine Gitarre greifst, anfängst zu spielen und dich darin verlierst. Die Gitarre hilft dir, deinen Kopf wieder frei zu bekommen. Ich kenne nichts Besseres.

Letzte Frage: Wie werden Sie ihren 100. Geburtstag feiern?

(lacht) Ich klopfe auf Holz! Ich will gar nicht daran denken, ich welcher Verfassung ich wohl mit Hundert bin. Wenn ich mich so halte, wie jetzt, wäre ich schon sehr zufrieden.

Alles Gute! Und vielen Dank für das Gespräch!

story: Niki Kamila
fotos: Capitol records, archiv

 

 

MULTITALENT Les Paul

Der „Wizard from Waukesha“, Wisconsin, geboren am 09. Juni 1915, führt ein Doppelleben. Genauer gesagt, ein Dreifachleben. Zum Einen ist er Erfinder einer der wichtigsten Solidbody-Gitarre. Gleichzeitig ist Lester Polfus (auch Polsfuss, seine Mutter stammt aus München, sein Vater aus Berlin) ein erfolgreicher Musiker, und schließlich – eher weniger bekannt – ist der Mann auch ein innovativer Sound-Tüfftler.

l Der Konstrukteur: Um 1938 beginnt Les Paul mit der Entwicklung einer Solidbody-Gitarre. 1941 baut er „The Log“ – auf ein ca. 50 Zentimeter langes Ahornbrett mit quadratischem Querschnitt schraubt er Saitenhalter, Steg und Tonabnehmer und verleimt diesen Klotz (engl. „Log“) mit einem Gitarrenhals von Gibson (siehe: „Vintage: Gitarren und ihre Geschichten“, von Carlo May, Augsburg 1994). Das Meisterwerk ist nicht gerade ein Hingucker. Dafür immerhin eine wirklich funktionierende Solidbody-Gitarre. Bei Gibson findet dieser Prototyp wenig Resonanz. „Wir brauchen keinen Besenstil mit Saiten“, soll Firmenchef M.H. Berlin damals gesagt haben.

Da ein gewisser Leo Fender mit seiner Broadcaster Erfolge feiert, die, genau genommen, auch nichts anderes ist, als ein Besenstil mit Saiten, denkt Ted McCarthy, damaliger Produktionsleiter in Kalamazoo, um. Gibson will auf den bereits rollenden Zug aufspringen. 1951 überredet Ted McCarthy Lester Polfus zum Deal. Les Paul erhält fünf Prozent vom Verkaufspreis jeder Gitarre für die Zeit von fünf Jahren. Es entsteht die Les Paul Goldtop: Einteiliger Mahagoni-Body und Hals, aufwändig gewölbte Decke (den damaligen Archtops nachempfunden), 22 Bünde, zwei Tonabnehmer, Volume- und Tone-Control, geschaltet von einem Toggle-Switch, das Ganze mit einer goldenen Lackierung der Decke (siehe auch: „Stromgitarren – das Gitarre & Bass Special“, sowie die Gibson-Sonderausgabe von G&B – weitere Infos: www.gitarreundbass.de). Die Les Paul wird anfangs noch stilvoll mit einem 12-Watt-Verstärker mit den Initialen „LP“ verschönt, ausgeliefert. Das Goldstück, von dem im ersten Jahr 1716 Exemplare gebaut werden, kostet 210 Dollar. Ab da tritt die Gitarre ihren Siegeszug an und durchläuft bis heute diverse Modifikationen (Tonabnehmer, Tailpiece, Halsradius, Lackierung).

l Der Musiker: Als Gitarrist spielt Les Paul in diversen Chicagoer Formationen, vornehmlich Country und Jazz. Er tritt als „Red Hot Red“ auf und spielt später in New York mit „Fred Waring’s Pennsylvanians“, und auch in eigenen Trios. Mit dem Umzug nach Los Angeles arbeitet er ab 1941 als Musiker für Bing Crosbys Radio-Show. Abends spielt er in seiner eigenen Trio-Formation, mit der ihm ab 1945 Hits wie ‚It’s Been A Long Long Time‘ gelingen. Er lernt die Country-Sängerin Iris Coleen kennen, die sich den Künstlernamen Mary Ford zulegt. Zusammen gelingen ihnen Hits wie ‚Vaya Con Dios‘ oder ‚Tennessee Waltz‘. In den 40er- und 50er Jahren verkaufen sich Les Pauls Aufnahmen millionenfach. Nicht weniger als fünf Grammys gewinnt er in seiner Karriere. Pech: Die Plattenfirmen Decca und Victor hatten Les Paul abgelehnt.

l Der Soundtüftler: 1948 entwickelt Les Paul seine erste selbst gebaute Multi-Track-Maschine, mit der er Songs wie ‚Lover‘ und ‚Brazil‘ aufnimmt (siehe auch G&B 01/1992). Damals stellt Autor Philip Lütscher fest: „Seine mehrstimmigen Gitarren-Parts und die polyphonen Gesangssätze seiner Ehefrau Mary Ford wurden zu seinem Markenzeichen.“ Für die Gitarrenwelt sind vor allem seine Klangexperimente interessant. Les Paul arbeitet mit unterschiedlichen Band-Geschwindigkeiten und erzielt damit in Songs wie dem rasant fließenden ‚Lovers‘ (in dessen Outro er sogar noch das Thema des Hochzeitsmarsches einfließen lässt, was seinen Humor zeigt), erstaunliche Resultate. Er beschäftigt sich mit Nah-Mikrofonierung, Sound-On-Sound-Aufnahmen, Echo-Effekten und leitet damit wichtige technische Entwicklungen der Pop- und Rock-Musik ein. Über die Jahre wurde Les Paul zu einer Ikone der Gitarrenwelt, und einem auch abseits von Rock und Jazz geschätzten Musiker. So spielte er u. a. für die englische Königin und die amerikanischen Präsidenten Rosevelt – das geschah bereits 1939 – und Eisenhower (1956).

Noch heute spielt Les Paul, seiner Arthritis zum Trotz (er kann nur noch zwei Finger seiner rechten Hand bewegen), jeden Montag mit seinem Trio im New Yorker Iridium Jazz Club. Der aktuelle Tonträger ‚Les Paul & Friends – American Made World Played‘ zeugt davon. n

Niki Kamila

 

WEITERE INFOS

l Carlo May: Vintage – Gitarren und ihre Geschichten, ISBN 3927954-10-1

l A.R. Duchossoir: Gibson Electrics – The Classic Years, ISBN 0-7935-9210-0

l A.R. Duchossoir: Gibson Electrics ISBN 0-88188-269-0

l Mary Alice Shaughnessy: Les Paul – An American Original, ISBN 0-68808467-2.

l Robb Lawrence: The Les Paul Legacy – The Man, The Sound And The Gibson Guitar, ISBN 0-63404861-9

l Stromgitarren – das Gitarre & Bass Special, Sonderpublikation 2004

l Gitarre & Bass – Die Gibson-Ausgabe, Sonderpublikation 2002

 

 

 



 

Gitarre & Bass 8/2010

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